EIN MUSIKALISCHES SCHLÜSSELERLEBNIS WAR FÜR MICH...

Amerikanische Jazzprogramme im britischen Fernsehen, auf BBC Two. Abends um Fünf vor halb Sieben, "Six to Five". Ich war 11 oder 12 Jahre alt, und damals gab es eine Menge Jazz im Fernsehen. Schwarz-Weiß-Filme über Sonny Stitt, Coltrane und Miles, und immer wieder Art Blakey.

Aus irgendeinem Grund habe ich mich dadurch in das Schlagzeug verliebt.

EIN VÖLLIGER FEHLKAUF WAR DIE PLATTE...

Ich habe viel zu viel Musik. Und ich kann mir vorstellen, daß auch du in Musik ertrinkst.

Ich kaufe gar keine CDs mehr. Ich bitte auch niemanden, sie mir zu schicken - man schickt sie mir ungefragt. Unser gemeinsamer Freund Uli hat ein Label und schickt mir hin und wieder ein halbes Dutzend CDs. Und das tun alle meine Freunde, die ein Label haben.

Ständig liegen neue CDs in meinem Briefkasten. Ich habe einfach zuviel Musik! Ich muß mir Zeit zum Hören freischaufeln - wenn ich das wirklich will. Es ist Jahre her, daß ich selber eine Schallplatte gekauft habe, die mich enttäuscht haben könnte.

MAN KÖNNTE MICH NACHTS WECKEN FÜR...

Ich fühlte mich sehr geehrt, wenn ich in einem Traum aufwachte, und ich einen Nachmittag lang Tony Williams die kindischsten und trivialsten Fragen stellen dürfte. Und er die Güte hätte, einfach da zu sitzen und mich nicht anzuknurren. Ich bräuchte nur 2 oder 3 Stunden seiner Zeit, aber er würde gewiß nicht reagieren, er ist ein ziemlich aggressiver Typ, insbesondere gegenüber weißen Burschen.

ES FÄLLT MIR SCHWER ZUZUGEBEN, ABER ICH STEHE WIRKLICH AUF...

Ich liebe Frank Sinatra. Frank Sinatra war meine Initalzündung für Popmusik.

(zählt ein paar Sinatra-Titel auf)

Ich kann seitdem keine Popmusiktexte mehr hören. Furchtbar, die meisten. Aber ein Ärgernis würde ich Frank Sinatra bestimmt nicht nennen.

EINE MUSIK, DIE ICH MIR NOCH ERARBEITEN MUSS, IST...

Je mehr ich über Musik weiß, desto geheimisvoller kommt sie mir vor. Ich bin immer leicht überrascht, wenn irgend jemand "1, 2, 3, 4" anzählt - und ein jeder spielt, was man zu spielen vereinbart hat.Ich halte das für außerordentlich bemerkenswert. Wirklich, das fällt mir jeden Tag auf´s Neue auf. Eine außerordentliche Kooperation, wenn Leute sich darauf verständigen.

An der Musik mag ich am meisten die soziale Interaktion. Es ist eine soziale Tätigkeit. Wenn ich allein Schlagzeug spiele - das ist okay. Aber wenn wir beide gemeinsam "boom" machen - dann entsteht meines Erachtens Musik. Und ich ziehe es vor, gemeinsam zu spielen.

Ein Alptraum sind für mich drum clinics. Wo ein Schlagzeuger ganz allein spielen muß.

Die schlimmste Erfahrung, die ich auf diesem Sektor je gemacht habe und hoffentlich nie wieder werde machen müssen - vor 800 Mitgliedern der Percussive Arts Society aufzutreten, in Columbus/Ohio.

800 Percussion-Cracks in meinem Alter: Marimbaspieler, Snare-Drum-Spezialisten aus dem Sinfonie-Orchester von Paris, Jan Pustjens von der Amsterdam Sinfonie, Jazzmusiker, Rockmusiker - alle begierig zu erfahren, was ich denn über das akustische drum set zu sagen habe.

Kannst du dir vorstellen, ich hätte über das akustische drum set irgendetwas mitzuteilen?

EIN MUSIKALISCHER TRAUM VON MIR IST...

Drum clinics zu verbieten. Es sollte für einen Schlagzeuger illegal sein, alleine aufzutreten.

WICHTIGER ALS MUSIK IST MIR...

Meine Kinder, mein Familienleben.

Früher habe ich gedacht: Musik ist das wichtigste. Aber nach 30 Berufsjahren ist mir klar, daß sie nur ein Teil des Lebens sein kann. Sie kann nicht das Einzige sein.

Ich denke, jeder junge Musiker hat eine Phase von 10 Jahren im Alter zwischen 15 und 25. Das ist der einzige Zeitraum seines Lebens, wo er wirklich Zeit in sein Instrument investieren kann. Aber später muß man wirklich leben, sonst spielt man für nichts und wieder nichts.

Da gab´s neulich einen charmanten Beitrag in dem Magazin "Modern Drummer". Dieses Magazin - muß man wissen - interviewt nur selten europäische Schlagzeuger, weil es annimmt, es gäbe dort nur wenige, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt.

"Modern Drummer" also widmete in der Tat eine Titelgeschichte Daniel Humair aus Frankreich, der gleichermaßen Gourmet, Maler und Schlagzeuger ist. Und Humair sagt, es gebe drei wichtige Dinge in seinem Leben: Kochen, Malen und Trommeln. Humair probt nicht, er wünscht nur zu spielen. Und er ist als Schlagzeuger absolut phantastisch.

Und man hörte förmlich, wie dieser Satz wie eine Schockwelle durch die amerikanische, athletische, muskelbepackte Schlagzeuger-Fraktion eilt. Wunderbar!

BEETHOVEN...

Da fällt mir meine Klassik-Ignoranz ein.

PRINCE...

Konservatismus. Der essentielle Konservatismus der Schwarzen Musik fällt mir ein. Ich have mal ein schön zusammengestelltes Video gesehen: von Vaudeville, Step-Tanzen, über James Brown bis Michael Jackson und Prinde - und alle machen ein und dasselbe!

Ich liebe Schwarze Amerikanische Musik, aber diese Linie darin ist außerordentlich traditionell.

JOHN CAGE...

Es muß Extreme geben - wie wüßten wir sonst, wo im Kosmos wir uns befinden?

BEATLES...

Haben Leuten wie mir erlaubt, Musiker zu sein. Nach den Beatles war alles möglich.

JOHN ZORN...

Hat gerade eine meiner absoluten Lieblingsplatten produziert: "Masada". Spielt da nicht Joye Baron Schlagzeug? Das ist eine wahnsinnig gute Jazzplatte. Ich schwärme von dieser Musik. Sie ist offen und frisch. Ich wünschte, ich könnte so spielen.

KARLHEINZ STOCKHAUSEN...

Frühe Elektronik. Heute vielleicht veraltet. Aber nochmal: Extreme müssen sein, Grenzüberschreitungen. Die Welt wäre nichts ohne John Cage und Karlheinz Stockhausen.

MADONNA...

big business somehow

MILES DAVIS...

Einige meiner besten musikalischen Momente verdanke ich ihm.

"Seven Steps to Heaven", Miles und Tony Williams - ein Traum. Unglaublich.

PAVAROTTI...

Die menschliche Stimme. Eines der ganz unmittelbaren Instrumente.

ALBERT MANGELSDORFF...

Der deutsche Jazz-Name, den ich zuerst gehört habe. Ein außerordentlich guter Musiker.

ZAPPA...

Adrian Belew

REIF FÜR DIE INSEL - DIESE PLATTEN NEHME ICH MIT...

Ich liebe "My Song" von Keith Jarrett, eine Platte, die über die Limitierungen des Jazz hinausgeht.

Zweitens: "A Love Supreme", John Coltrane.

Graham Bond Organisation, "The Sound of Sixty Five". Als Teenager eine meiner Lieblingsplatten.

"Jailhouse Rock" von Elvis Presley, liebe ich auch.

"Allright Now" von Free, weil der Baß erst im Refrain einsetzt; völlig unüblich in der Popmusik.

Das "Requiem" von Albinoni, es ist wundervoll.

Das reicht erst mal.

Von meinen eigenen Platte würde ich vielleicht eine mitnehmen, um mich daran zu erinnern, daß ich einst versucht habe, ein Musikinstrument zu spielen.

Vielleicht sollte ich "One of a kind" mitnehmen, die Platte mit Allan Holdsworth. Ich mag sie, weil ich dort gespielt habe, ohne überhaupt nachzudenken. Ich war völlig gefangen in der typischen Bandleader-Rolle: "Laufen die Kosten davon? Fühlt sich der Gitarrist wohl?, usw., usw."

 

 

©2002 by Michael Rüsenberg