Kennen Jazzstudenten die Jazzgeschichte?
WDR 3, 19.02.2011, NDR Info 04.03.2011

Guten Abend und herzlich willkommen bei WDR 3 Jazz.
Am Mikrofon ist Michael Rüsenberg.
In der kommenden Stunde geht es um Fragen der Ausbildung angehender Jazzmusiker.
„Was geht mich das an?“, werden Sie sagen - „ich bin Jazz-Hörer.
Ich will doch nicht auftreten!“
Aber auch wer heute als Hörer Jazz verstehen will - kommt der gänzlich ohne die Geschichte aus, die Geschichte des Jazz?
„Riesengroße Felder sind unbekannt - Kennen Jazzstudenten die
Jazzgeschichte?“

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01. FLORIAN ROSS Bridges 4:04
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MODERATION
Musik aus dem neuen Album von Florian Ross, „Mechanism“.
Florian Rossist nicht irgendwer, sondern einer der führenden deutschen Jazzpianisten, -komponisten und -arrangeure.
Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums, im Spätsommer vergangenen Jahres, führe ich ein Gespräch mit ihm.
Ganz am Rande, zum Schluß, ohne dass irgendein „Problem“ vorliegt, frage ich ihn: wie sie denn so läuft: seine Nebentätigkeit als Klavier- und Kompositionslehrer an der Musikhochschule Köln.
Ohne es zu ahnen ... stoße ich dabei in ein Wespennest.


O-TON FLORIAN ROSS
Es ist nicht das Problem, dass die nicht Klavier spielen können - das technische Niveau ist hoch. Sondern es ist oftmals so, dass ich eine Art Planlosigkeit sehe, ein bißchen ein Desinteresse an der Musik eigentlich spüre.  
Ganz, ganz selten hat man einen Studenten, wo man das Gefühl hat: Ja, der kniet sich rein. Der sucht Aufnahmen von einem bestimmten Typen. Oder, der kauft sich eine CD von dem, und sieht dann: aha, da spielt ein anderer mit - dann folgt er dem Pfad und findet dann wieder neue Musik. Also, dieses Suchende und Forschende, dieses Heiß-Sein auf neue Musik und neue Spieler, das vermisse ich sehr. Das habe ich in meiner Erinnerung, zu meiner Zeit anders erlebt, also auch von Kommilitonen. Da war irgendwie noch mehr Zug dahinter.


MODERATION
Moment! Haben wir das richtig gehört, können wir das glauben:
unter Jazzpiano-Studenten herrscht „Planlosigkeit“?
Ein „Desinteresse an Musik“?
Kein Neugier auf das, was schon da ist?
Das muss Florian Ross unbedingt näher erläutern!


O-TON FLORIAN ROSS
Die Leute hören schon Musik. Aber es wird einfach nicht in der Tiefe verfolgt. Die hören dann mal ein Stück von dem und ein Stück von dem. Dann kann aber auch sein, dass riesengroße Felder einfach völlig unbekannt sind.
Wenn ich dann mal einen Studenten frage: wie sieht´s denn mit Keith Jarrett aus? Ob man den mag oder nicht, das ist eine Figur, die man schon mal gehört haben sollte.
Und dann höre ich: ja, genau ein Kumpel von mir hatte mir mal was auf meinen mp3-player gemacht. Und dann hört man genau raus, klar der hat schon mal ein, zwei Stücke Keith Jarrett gehört. Aber weder ist ihm bewußt, aus welcher Zeit das war; was vorher, was hinterher war; wer überhaupt Keith Jarrett dazu gebracht hat, so zu spielen, wie er spielt; wer nach Keith Jarrett vielleicht versucht hat, so zu spielen wie Keith Jarrett.
Dieses Interesse an Detail und an zeitlichen Abläufen, an Geschichte, an den Schicksalen von einzelnen Leuten, an Verkettungen von verschiedenen Musikern - das ist oftmals sehr gering.


O-TON FLORIAN ROSS
Ich unterhalte mich witzigerweise sehr häufig genau über dieses Thema auch mit anderen Leute, die unterrichten. Zum letzten Male habe ich mich in Australien mit Mike Nock darüber unterhalten. Und da hat er
mich sogar gefragt: sag´ mal, wie ist denn das in Deutschland? Bei uns hier habe ich so das Gefühl, dass die jungen Kerls und Mädels überhaupt keinen Überblick haben über die Musik, die es gibt, und die dazu geführt hat, dass es z.B. so etwas wie das Esbjörn Svensson Trio gibt.
Und da habe ich gesagt: ja, tur mir leid, Mike, ich muss dir leider berichten, dass es bei uns in Deutschland leider auch nicht anders aussieht. 

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02. EST When God created the Coffeebreak 1:53
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O-TON FLORIAN ROSS
Also ein typischer Fall wäre, dass einer sagt, wenn man ihn fragt: was hörst du denn gerne, was magst du denn?
Dann kommt: Esbjörn Svensson Trio. Was völlig in Ordnung ist. Und wenn man dann aber fragt: ja, was glaubst du denn, wo der herkommt? Wo dieses Trio seine musikalischen Vorgänger hat? Wie sind die darauf gekommen, so zu spielen? Und dann - pfffff....dann kommt einfach nix!
D.h. also da werden nicht die ganzen Skandinavier erwähnt, da wird nicht Keith Jarrett erwähnt, da ist einfach nix. Diese Verkettung, diese historischen Zusammenhänge der Musik, wie sie sich entwickelt hat,
die sind oftmals gar nicht da. Es wird nur noch punktuell einer rausgegriffen, und den hört man dann, und dann ist gut.

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03. BOBO STENSON TRIO South Print 2:32
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O-TON FLORIAN ROSS
Ein Großteil meiner Zeit im Unterricht bin ich damit beschäftigt, den Studenten das zu zeigen, was es gibt. So absurd sich das anhört.
Ich habe meine komplette CD-Sammlung auf einem ipod. Ich kann jederzeit beim Unterrichten sagen: ah, das erinnert mich an das und das! Ich spiele dir mal was vor.
Das passiert relativ häufig. Und selbst dann kommt es nicht selten vor, dass  - nehmen wir mal an, ein Student zeigt mir ein Stück, das er komponiert hat und spielt - dass ich dann sage: weisst du was, das erinnert mich total an ein Stück von Bobo Stenson. Kennst Du Bobo Stenson? - Nee, nie gehört! - Wunderbar, sei glücklich, du kennst den nicht, dann spiele ich dir mal was vor. Dann lege ich ein Stück von Bobo Stenson auf, und der Student sagt hinterher: super, das ist ja total geil!
Und ich weiß aber genau, dass am Ende der Stunde weder an den Namen sich erinnern kann noch wie die Platte heißt, noch wann die aufgenommen wurde. Aber er macht sich auch keine Notizen. Und das ist für mich völlig schleierhaft.
Ich habe es dann ein paar mal darauf ankommen lassen, dann ging die Stunde weiter, und am Ende der Stunde habe ich gefragt: Und wie hieß denn der jetzt noch mal, den ich dir vorgespielt habe? Ehhh - und dann kommt nichts.
D.h. also selbst wenn man die Leute auf was Neues stößt, und sie finden es toll, kann es vorkommen, das sie sich noch nicht mal die Mühe machen und einen Zettel zu nehmen und sich den Namen aufzuschreiben, um das weiterverfolgen zu können. Sondern das versinkt einfach. Und dann ist dieses Aha-Erlebnis, das sie im Unterricht vielleicht hatten, einfach weg.
Ich bin mir nicht ganz sicher: vielleicht war´s ja doch nicht so toll. Das kann ja auch sein, dass ein Student, um wir zu gefallen, sagt: das ist ja toll - und in Wahrheit fand er es doch nicht. Das kann natürlich auch sein.
Aber ich habe eher den Verdacht, dass so ein bißchen der Biss, sich drum kümmern zu müssen, dass man auf interessante Dinge stößt, das der so ein bißchen verloren geangen ist. 

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04. DJANGO BATES STORMCHASER Spring 5:34
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MODERATION
Florian Ross tauscht sich aus mit anderen über seine Erfahrungen mit Jazz-Studenten.
Und das tue ich auch. Die erste Station ist Kopenhagen, das Rhythmische Musik Konservatorium, das in diesem Jahr 25 Jahre besteht.
Der berühmteste Lehrer am RMC ist derzeit Django Bates. Wir hören ihn gerade mit StoRMChaser, einer von mehrer Bands mit seinen Studenten,
die er in ganz Europa präsentiert.
Ich frage den Direktor des RMC, Henrik Sveidahl, ob er die Thesen von Florian Ross teilen kann: über die Planlosigkeit, das Desinteresse, den mangelnden Heißhunger auf Jazzgeschichte unter Jazz-Studenten.

O-TON HENRIK SVEIDAHL
Die These klingt sehr befremdlich und ich zögere zu sagen, dass sie auch auf us zutrifft. Ich muß aber zugeben, dass ich von einer ähnlichen Diskussion auch in Dänemark gehört habe.
Da ich zur Zeit nicht unterrichte, kann ich nur wenig dazu sagen. Aber hin und wieder sprechen unsere Dozenten darüber.
Nun gehöre ich einer Generation an, für die das Studium der Jazzgeschichte ein zentraler Teil ihrer Ausbildung war. Ich bin sicher, dass das für die jungen Musiker heute nicht mehr so der Fall ist.
Aber, man sollte immer ein wenig Zurückhaltung üben, die eigenen Lernerfahrungen auf die jungen Musiker übertragen zu wollen.
Ich bin sehr vorsichtig zu sagen, dass die Art, wie meine Generation spielen gelernt hat, für alle Zeiten gelten soll.
Ich bin mir da nicht sicher.

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05. TUBBY HAYES Blues in Orbit 3:27
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MODERATION
Der englische Jazzpublizist Stuart Nicholson ist ein großer Anhänger des früh verstorbenen englischen Saxophon-Virtuosen TUBBY HAYES.
Aus der entsprechenden Sendung auf WDR 3 passt diese Aussage von ihm auch zu unserem heutigen Thema:

O-TON STUART NICHOLSON
Ich habe an zwei, drei Musik-Konservatorien unterrichtet, und wenn ich dort den Namen Tubby Hayes fallenlasse, dann schaue ich in Gesichter voller Fragezeichen.
Es ist schon traurig. Die heutigen Jazz-Studenten kennen die Jazzgeschichte nicht. Es betrübt mich sehr, dass sie nicht nur gegenüber der Jazzgeschichte in England ignorant sind, sondern auch gegenüber dem, was heute in Europa passiert.
Das ist wirklich ein großes Versäumnis der Jazz-Erziehung in England, wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen. Die Studenten sollten nicht nur viel mehr über ihre lokalen Helden wissen - wenn man so will -, sie sollten sich auch sehr viel mehr bewußt sein, dass es parallel dazu auch einen bedeutenden Jazz-Kanon in Europa gibt.

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06. GWILYM SIMCOCK A typical Affair 8:16
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MODERATION
Das ist eines der ganz großen englischen Jazz-Talente: der Pianist Gwilym Simcock.
Er hat an der Jazzabteilung der Royal Academy Of Music in London studiert, wo er heute gelegentlich auch unterrichtet.
Wie an der Musikhochschule Köln auch gehört „Jazz-Geschichte“ zu den Pflichtveranstaltungen an der Royal Academy of Music.
Gleich drei Lehrkräfte sind dafür eingeteilt: u.a. Alyn Shipton, Jazz-Bassist, Jazz-Historiker und Jazz-Moderator bei der BBC.
Alyn Shipton unterrichtet Jazzgeschichte von den Vorläufern des Jazz bis zum Beginn des Bebop.
Auch an ihn die Frage, ob er mit den Erfahrungen von Florian Ross übereinstimmt.

O-TON ALYN SHIPTON
Ich möchte Florian Ross nicht vollständig widersprechen. Meines Erachtens liegt bei unseren Studenten ein genereller Mangel an Bildung vor.
Z.B. fänden es meine Studenten schwierig, eine Karte der USA zu zeichnen und darauf zu zeigen, wo New York, Chicago, New Orleans, Kansas City, oder St. Louis liegen. Sie wissen´s einfach nicht. Sie könnten auch keine Karte von Italien zeichnen.
Wir sehen uns also nicht nur mit erheblichen Wissenslücken über Jazz konfrontiert, sondern mit Wissenslücken ganz allgemein. Punkt.
Geschichtsunterricht findet an britischen Schulen nur noch am Rande statt. Die meisten haben etwas von den Römern gehört, von der Eroberung durch die Normannen - dann tut sich ein Riesenloch auf, dann kommt ein bisschen über die Tudors, weil sie so tolle Klamotten trugen und Heinrich Der Achte seine Frauen enthauptete, und dann klafft wieder eine Lücke bis zum 2. Weltkrieg.
Meine Studenten wissen also nicht nur nichts über Jazzgeschichte, sie haben auch von Geschichte keine Ahnung.
Ich habe mich deshalb darauf eingestellt, meine Studenten in Geographie, Geschichte, Soziologie ebenso zu unterrichten wie in der Geschichte des Jazz.

O-TON ALYN SHIPTON
Ich habe ja schon gesagt, ich habe nur eine Teil-Antwort gegeben. Auf der anderen Seite haben meine Studenten nämlich sehr wohl Kenntnisse über einige Bereiche der Jazzgeschichte. Die Studenten in diesem Jahr wissen z.B. viel über Keith Jarrett. Sie wissen viel über Herbie Hancock und Esbjörn Svensson. Aber gar nichts über Art Tatum.
Mein Job ist also, die Lücken herauszufinden und zu füllen. Natürlich gibt es große Lücken, je weiter wir zurückgehen in der Jazzgeschichte.
Interessanterweise zeigen die Studenten sehr spezielle Kenntnisse im Hinblick auf das Instrument, das sie spielen. Deshalb sind wir bemüht, in jedem Jahr ein vollständiges Ensemble aufzustellen. Dabei ergeben sich nämlich wertvolle Querverbindungen. Der Saxophonist z.B. weiß etwas über Charlie Parker und Lester Young, über John Coltrane und Michael Brecker.
Nicht immer, aber normalerweise.
Unter den Trompetern hatte ich letztes Jahr einen, der ungewöhnlich gut über Clark Terry und die frühe Trompeter-Tradition des Jazz informiert war.  Unsere Trompeter sind ohnehin gut dran, weil mit Kenny Wheeler als Gast-Professor eine führende Persönlichkeit mit ihnen arbeitet, und sie sich deswegen wirklich ins Zeug legen.
In einer solchen Gruppe, wo jeder einen Ausschnitt der Jazzgeschichte kennt, kann man sich gegenseitig weiterhelfen.


O-TON ALYN SHIPTON
Ich möchte über den Mangel an Geschichtskenntnissen noch etwas nachtragen:
Ein großes Problem derer, die total in der Welt des Jazz aufgehen, ist, dass sie die Welt außerhalb nicht wahrnehmen. Ich beobachte unter vielen Studenten einen abnehmenden Bildungsstandard: sie können sich nicht schriftlich ausdrücken, und wenn - tun sie das auf einem Niveau, das zu meiner Schulzeit nicht akzeptabel gewesen wäre. Grammatik ist ihnen völlig fremd.
Ich verwende viel Zeit darauf, meine Studenten zu lehren, wie man schreibt - was eigentlich schon in der Schule hätte geschehen sollen.
Eine der Aufgaben dabei ist ein großer, kritischer Essay.
Und diese drei Wörter kennen sie gar nicht: groß - wie lang? - oh, so was Langes habe ich ja noch nie geschrieben.
Kritisch - was soll das heißen?
Essay.
Das sehe ich ein großes Problem. Und das betrübt mich mehr, als ob einer nun von TUBBY HAYES gehört hat oder nicht.



MODERATION
Alyn Shipton unterrichtet seit 3 Jahren an der Royal Academy Of Music. Davor war er in Oxford, wo er auch promoviert hat. Shipton macht noch eine wichtige Anmerkung.

O-TON ALYN SHIPTON
Von ausschlaggebender Bedeutung ist meines Erachtens die Art der Ausbildungsstätte. An der Oxford Brookes University - eine allgemeine Universität mit Musik-Studiengang - hatte ich weitaus mehr Studenten mit Geschichtskenntnissen. Die meisten von ihnen strebten einen akademischen Abschluß an, bei dem das praktische Musizieren nur eine Nebenrolle spielt.
In einem College wie hier wollen die Leute in erster Linie ihr Instrument spielen lernen. Geschichte, ja Schreiben ganz allgemein, liegt ihnen nicht so sehr.
Das ist zwar ein altes Ideal, aber die Psychologie des ausübenden Musikers ist eine andere als die eines Akademikers.
Und deshalb erwarte ich gar nicht, dass meine Studenten als Instrumentalisten Spitze sind und gleichermaßen bewandert in Geschichte.
Es kommen dabei doch jeweils ganz andere Bereiche des Gehirns zum Einsatz.


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07. PETER WENIGER GROUP Scrootch 5:45 
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MODERATION
WDR 3 Jazz: „Riesengroße Felder sind unbekannt - Kennen Jazzstudenten die Jazzgeschichte nicht?“
Wir legen die Thesen des Pianisten Florian Ross wie sie in unserem Sendetitel zum Ausdruck kommen - auch anderen vor.
Z.B. dem Saxophonisten Peter Weniger, ausgebildet an der Musikhochschule Köln - heute Direktor des Jazzinstitutes Berlin. Professor Peter Weniger.

O-TON PETER WENIGER
Diese Thesen, die sind natürlich sehr direkt und sollen wahrscheinlich zur Kommunikation dieses Problems beitragen. Ich denke zunächst mal, dass Studenten heutzutage nicht anders eingestellt sind als noch vor 20, 30 Jahren. Das ist natürlich so, das die heutige Zeit eine andere ist und dass wahrscheinlich auch das Zusammenwirken Lehrkörper und Student vielleicht nicht immer so begeisternd ist, wie man sich das vorstellt. Und da werden dann solche Entwicklung, die vielleicht im Kern zutreffen können, werden so sichtbar und äußern sich in solchen Thesen.
Ich kann aus meinem Lehrbetrieb feststellen, dass viel daran liegt, wie der Lehrer auch selber mit der Geschichte umgeht. Und da sehe ich ein Hauptproblem. Es gibt immer Studenten, die sind hochbegabt und spielen fantastisch und arbeiten von selber. Und wissen intuitiv, wohin sie müssen und was sie auschecken müssen. Und dann gibt es auch die Studenten, die müssen da erst hingeführt werden. Da möchte ich auch ein bisschen herausstellen, dass es da auch vielleicht nicht immer nur am Studenten liegt, sondern auch hin und wieder mal an dem Lehrenden.


O-TON PETER WENIGER
Doch natürlich kann ich das auch tendenziell bestätigen. Meine Aussagen war ja nicht, dass ich das nicht auch sehe, aber ich möchte da auch die Studenten so ein bisschen in Schutz nehmen. Die vor einer Flut von Informationen stehen, und das muss auch von einem Lehrenden ein bisschen kanalisiert werden. Wenn das nicht passiert, dann sucht sich jede Generation ihre eigenen Helden. Das ist völlig klar.
Generell ist es so, dass auch ich mich früher sehr viel mehr mit der Jazzgeschichte auseinander gesetzt habe als ich das heute sehe. Aber ich versuche z.B., meine Studenten dazu anzuhalten, das auch zu tun. Und das fällt mitunter sehr schwer. Aber letztendlich kann man die Leute doch überzeugen - denke ich zumindest.

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08. EBENE O Pibloktoq 2:57   
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MODERATION
Nun haben wir so viel über Jazz-Studenten gesprochen:
was sie können, was sie nicht wollen, was sie stattdessen tun, wovon sie keine Ahnung haben....
hier sind drei von ihnen! Drei Studenten aus der Klavierklasse von Florian Ross an der Musikhochschule Köln.

O-TON LUCAS LEIDINGER 
Ich bin der Lucas Leidinger, ich bin 22 Jahre, und ich studiere Jazzklavier.

O-TON LUCAS LEIDINGER 
Mich wundert das ein bisschen. Auf mich trifft das jetzt nicht zu - würde ich jetzt von mir behaupten. Ich kenne Keith Jarrett ziemlich gut. Und ich kann das auch ziemlich einordnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bei den anderen Studenten so ist - zumindest so was ich kenne.

O-TON LUCAS LEIDINGER 
Aber, um ein anderes Zitat von Florian Ross zu bringen, was er mir gesagt hat, ist: man kann sowieso nur das lernen, was einen auch interessiert.
Ich finde z.B. es gibt nicht so etwas wie ein Pflichtprogramm: man muss jetzt das und das können. Weil, wenn man jetzt eine ganz andere Musik macht, dann kann man´s sowieso nicht lernen, weil es einen gar nicht interessiert. Es macht dann für mich wenig Sinn, stundenlang irgendwelche bebop lines auszuchecken, wenn mich die Musik gar nicht so interessiert. Man sollte sich halt das herauspicken, was einen berührt, was einen interessiert und daraus dann seinen eigenen Stil entwickeln. Das ist ja eigentlich das Ziel.

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09. FILIPPA GOJO QUARTET Saga Of Harrison Crabfeathers 4:49
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O-TON SEBASTIAN SCOBEL 
Mein Name ist Sebastian Scobel. Ich studiere Jazzklavier an der Hochschule hier in Köln, speziell auch Hammond Orgel bei Florian Ross. Bin 23, ursprünglich aus Dresden und jetzt im dritten Studienjahr.

O-TON SEBASTIAN SCOBEL 
Ich kann verstehen, warum Florian das so gesagt hat. Und, in manchen Sachen erkenne ich mich auch wieder. Ja, dass z.B. Felder unbekannt sind in der Jazzhistorie - tja, ist leider Gottes noch so. Wie war das mit der Planlosigkeit?
Rüsenberg: er sagt „eine Planlosigkeit, ein Desinteresse an der Musik eigentlich“. Das hat er allerdings in Anführungszeichen gesetzt, weil das ist ja schwer so auszudrücken?
Ja, vielleicht ist es darauf zurückzuführen, dass die meisten sich in erster Linie mit sich beschäftigen. Und man ist auf sich allein gestellt und man muss versuchen, okay in diesem Studium etwas zu entwickeln, was dann vielleicht sein Eigen ist, womit man später auch sein Geld verdient was-auch-immer. Und man ist die ganze Zeit sehr darauf bedacht ´rauszukriegen: okay, was kann das sein, was mich jetzt spezielle macht oder was mir liegt. Unter Umständen können dann gewisse Aspekte z.B. der Jazzhistorie oder der Musik allgemein hinten runterfallen.

O-TON SEBASTIAN SCOBEL
Ja - er hat mir gestern auch Bobo Stenson vorgespielt. Und ich kannte es auch nur sehr wenig. Aber ich glaube nicht, dass ich morgen nach Hause gehe und mir keine Gedanken mehr über Bobo Stenson mache. Es ist schwer, jetzt mit so einer generellen Kritik umzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass vielleicht Florian manchmal das Gefühl bekommt. Und das ist natürlich nicht der Sinn. Wir sollen ja interessiert sein. Wir wollen ja eigentlich auch was wissen. Darum geht´s ja.
Rüsenberg: Er geht ja noch einen Schritt weiter, er sagt: er und seinesgleichen, also die Generation der Lehrenden heute - und da kann ich Peter Weniger z.B. einschließen - „Wir haben das anders gemacht“. Ob das stimmt oder nicht, kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Aber es ist offenbar so, das sie meinen, dass dieses Lehr- und Lernverhalten heute völlig anders ist. Sozusagen mehr punktueller und den großen Zusammenhang, die großen Kontexte vergessend.
Das kann gut sein, das kann ich nicht beurteilen. Die Frage ist, ob es schlechter ist - es ist einfach anders. Und vermutlich haben Leute wie Peter Weniger oder Florian Ross einen wesentlich größeren Schatz an Jazzhistorie, und wissen da einfach mehr.

O-TON SEBASTIAN SCOBEL
Habe gestern Hauptfach gehabt, und es war genau so, dass ich gemerkt habe, okay ich komme mit einer Komposition- was heißt „Komposition“? - es waren 4 Takte, was mache ich mit diesen 4 Takten? Florian hat gesagt: okay, tu´ jetzt mal so, als wäre ich nicht da und versuch´ einfach mal, das Stück weiterzuschreiben. Und ich habe das gemacht, 3 Minuten, 4 Minuten, 5 Minuten. Und er meinte dann: okay, jetzt habe ich eine ungefähre Ahnung, wie du schreibst und wie du versuchst zu komponieren. Jetzt können wir uns über das und das unterhalten. Jetzt habe ich diesen Vorschlag: versuch´ mal das. Und das war faszinierend zu sehen. Ich schätze gerade auch an ihm seine kompositorischen Fähigkeiten, weil ich jedes Stück von ihm sehr persönlich finde. Er hat einfach einen Stil, seine Kompositionen klingen nach Florian Ross, sind wirklich wunderbar zu spielen, anspruchsvoll und teilweise auch wirklich witzig und - ja, einfach einfallsreich!

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10.THOMAS MIKA Perdu 2:57
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O-TON THOMAS MIKA
Ich heiße Thomas Mika, bin 23 Jahre alt und studiere Musik und Deutsch auf Lehramt. Musik an der Musikhochschule Köln, mit dem Hauptfach Jazzklavier bei Florian Ross.

MODERATION
Eben weil er Lehramt studiert, gehört Jazzgeschichte nicht zu den Pflichtfächern von Thomas Mika.

O-TON THOMAS MIKA
Das wußte ich bisher noch nicht, dass das seine Auffassung ist. Aber vielleicht könnten wir erst mal auf einen Punkt davon eingehen?
Rüsenberg: Wir nehmen einfach mal Keith Jarrett.
Ich kenne Keith Jarrett. Ich würde behaupten, dass ich schon einen groben Eindruck habe seiner Laufbahn, seiner Anfänge bei Miles, dann - ich glaube man nennt es europäisches Quartett mit Jan Garbarek, und seit seinem Jahrzeht, vielleicht geht es auch schon etwas länger das Trio dann. Natürlich kennt man ihn und hört sich auch seine Aufnahmen an. Ich bin mir eigentlich sicher, dass meine Kommilitonen aus der Jazzpiano-Abteilung auch sehr viel und alle regelmäßig Jarrett hören.

O-TON THOMAS MIKA
Den anderen Punkt, inwiefern da Einflüsse oder Veränderungen seines Stiles bekannt sind oder auch eigens untersucht wurden, da bin ich mir nicht so sicher. Das ist, glaube ich, auch eine relativ schwierige Angelegenheit, da muss man sich wirklich ransetzen und Aufnahmen nur unter diesem Gesichtspunkt anhören. Ich glaube, es ist eher verbreitet - auch bei mir selbst -, Aufnahmen einfach für sich selbststehend anzuhören als dann rauszugehen und sich anzuhören, wie hat der Typ eigentlich 10 Jahre früher gespielt? Zumindest ist es bei mir so; auch wenn es sicher lehrreich wäre, das habe ich bisher noch nicht gemacht.

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11. KSM Evas Flug 4:35
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MODERATION
Das ist die Kölner Saxophon Mafia. Seit bald 30 Jahren gehört Joachim Ullrich dazu, Professor Joachim Ullrich.
Er hat die Jazzabteilung an der Musikhochschule Mainz geleitet, danach die entsprechende Abteilung an der Musikhochschule Köln.
Vor gut einem Jahr ist er noch weiter aufgestiegen: er ist jetzt Pro-Rektor der Musikhochschule Köln, und damit - wenn man so will - der zweithöchste Vorgesetzte von Florian Ross.

O-TON JOACHIM ULLRICH
Das ist so ein ganz klein bisschen ein Rundumschlag, den ich zum Teil unterschreiben kann, zum Teil auch nicht. Also ein entschiedenes „Jein“ zu dieser Aussage, würde ich erst mal sagen.
Was man grundsätzlich vermisst, immer in nachwachsenden Generationen, oder fast immer, ist diese unmittelbare Neugier. Diese Klage kenne ich aber schon, seit ich Jazz unterrichte, d.h. also seit 30, 35 Jahren.
Ich kann mich noch erinnern an Aussagen damals von Manfred Schoof, „ja, die wissen ja gar nichts“ oder von Jiggs Whigham. Letztendlich zieht sich die Klage durch so ähnlich wie die Klage über die Ungezogenheit der Jugend, die auch schon bei den Alten Griechen da war. Das ist die eine Seite.


O-TON JOACHIM ULLRICH
Die andere Seite: es ist natürlich richtig. Obwohl Jazzgeschichte unterrichtet wird oder Musikgeschichte unterrichtet wird, ist es so, dass viele Leute, viele Jugendliche oder viele junge Erwachsene, viele Studenten das nicht so kennen.
Es ist immer die Frage, wieweit man sich diesen Schuh anziehen will. D.h. will man wirklich ein kanonisches Bild von Jazz vermitteln? Muss ein Jazzmusiker, um Jazzmusiker zu sein, ganz bestimmte Dinge kennen, oder muss er sie nicht kennen? Die Aussage ist weder mit Ja, noch mit Nein zu beantworten. Natürlich ist es so - finde ich jedenfalls -, dass man die Umgebung kennen muss, auch die Umgebung, die war, um sich selber zu positionieren als Künstler.
Oft ist es aber so, dass man das erst viel später in seinem Leben entdeckt und entwickelt. Ich denke deswegen, für mich gerade als Philosophie des Jazz-Lehrenden ist für mich der Ansatz wichtiger, aus der Person heraus zu kommen und die Person zu nehmen, wie sie ist. Und die Person muss eigentlich ein Grundbedürfnis entwickeln, bestimmte Dinge aufzunehmen. Man kann Anregungen geben - das sollte man natürlich tun. Man hat ja genau das, was die nicht haben, nämlich einen Wissensvorsprung in dem Sinne, dass man viel mehr kennt und sagt: „Hör´dir mal das an!“
Man kann natürlich dann das fehlende Interesse beklagen. Das kann man aber auch genauso gut sein lassen. Das bringt einen überhaupt nicht  weiter.

O-TON JOACHIM ULLRICH
Was auf keinen Fall in irgendeiner Weise weiterhilft, ist, das Wissen über Jazz und auch über Jazzhistorie, über Stilistiken zu kanonisieren unter dem Motto „You have to know that - sonst bis du kein Jazzmusiker!“
Das funktioniert, glaube ich, nicht. Das ist für mich jedenfalls ein Weg, der uniform ist, der in die Richtung geht, bestimmte Mindeststandards festzulegen. Bestimmte Mindeststandards legen sowieso alle Leute fest, wenn sie Musik machen. Und sie werden alle auf dem Markt bestehen müssen/können/wollen, sie werden sich alle irgendwie als Künstler verorten können/wollen. Wir können ihnen helfen dabei, wir können ihnen Wege weisen - aber wir können nicht DEN Weg weisen. Das ist auf jeden Fall meine Meinung, dass wir nicht DEN Weg weisen können.

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12. KSM Letzten Donnerstag in der Zeitschleife 4:00
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O-TON JOACHIM ULLRICH
Rüsenberg: steht dahinter vielleicht auch eine Kontroverse über das, was im Jazz lehr- und lernbar ist? Also einmal das Kanonische, also zusagen die Jazzhistorie durchdeklinieren von A bis Z, und auf der anderen Seite: von den individuellen Erfordernissen des Studenten ausgehen und dabei möglicherweise das große Bild, die ganz große Erzählung ausblenden. Sind das zwei Haltungen, die sich vielleicht auch hier in Köln gegenüberstehen, und stehen sie sich auch generell in der Jazzpädagogik gegenüber?
Die Haltungen stehen sich generell gegenüber, glaube ich. Wobei ich meine, dass diese Gegenüberstellung kein notwendiger Widerspruch ist. Die Entwicklung von Kanonik, also von Sachen, die man abhaken muss, das finde ich auf jeden Fall eine Haltung, die wir in Köln als Philosophie nicht vertreten. Aber das Einfordern von persönlicher Neugier und persönlichem Wissen auf der einen Seite und das Bereitstellen von seiten der Lehrenden von eben diesem Wissen oder von Anregungen, das finde ich genau so wichtig.
Dennoch glaube ich, dass es nicht unbedingt nur einen Gegensatz gibt zwischen Kanonik auf der einen und individueller Entwicklung auf der anderen Seite. Ich glaube durchaus, wenn man sich als Künstler verortet dann kann das nicht im luftleeren Raum passieren. Man ist zwar Individuum, man entwickelt sich auch als Person aus der Person heraus, man entwickelt sich aber immer so an dem, was man kennt. Und man misst sich an dem, was man kennt. Und wenn man wenig kennt, kann man sich wenig entwickeln.

O-TON JOACHIM ULLRICH
Ich habe viele Kompositionsschüler, und ich denke immer, dass die Leute relativ viel mitnehmen sollen von Sachen, die schon waren und von Sachen, die jetzt um sie herum sind. Man kann sonst das Pech haben, dass man wie ein Höhlenmensch in der Höhle sitzt, eine unglaublich glänzende Idee hat, nach Jahrzehnten rauskommt und das Rad erfunden hat - und vom ICE überfahren wird. Weil die Entwicklung außerhalb ganz woanders stattgefunden hat. Das ist eine Gefahr dieses individuellen Weges. Den darf man nicht gehen, diese Gefahr. Ich finde es ganz wichtig, dass man sich permanent spiegelt. Das ist schon wichtig - aber es ist nicht wichtig, dass wir permanent den Spiegel halten. Wir sind nicht die Ordnungsinstanz, das dürfen wir nicht sein.

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13. PETER WENIGER GROUP Theo 3:14
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MODERATION
Kennen Jazz-Studenten die Jazz-Geschichte?
Bei unseren Erkundungen haben sich zwei verschiedene Auffassungen von Jazzpädagogik herausgeschält:
Einmal die so zitierte „kanonische“; sie setzt auf Jazzgeschichte, also auf die Kenntnis der vorhandenen Stile und Formen.
Und dann die, die auf die individuellen Bedürfnisse eines Studierenden abzielt.
Zu den „Kanonikern“ zählt sich Florian Ross nicht, derjenige mithin, der den Anlaß für diese Sendung geliefert hat. Und ich denke, dass das auch so aus seinen Worten hervorgeht.
Wir haben aber auch gesehen, dass beide Auffassungen in Reinform jeweils gar nicht vorkommen, sondern dass Gewichtungen vorgenommen werden.
Professor Peter Weniger, Jazzinstitut Berlin.

O-TON PETER WENIGER
Ich finde das eigentlich nicht so vorteilhaft, wenn man den Studenten alleine lässt, man muss ihn an die Hand nehmen, weil oft wissen Studenten eigentlich nicht so richtig, was gut für sie ist. Und ich finde, das muss man denen bieten zumindest, man muss es anbieten. Ob dann die Studenten richtig drauf aufspringen oder erkennen, wie wichtig, das jeweilige Gebiet ist - das kann man ihnen selber überlassen. Das ist klar, man kann auch nicht jeden abholen. Aber man muß es anbieten.
Ich glaube, je eher damit anfängt und je eher man die Studenten dafür begeistert, umso besser ist es letztendlich. Und wir haben alle in unserem Studentenbetrieb die sogenannten Hochtalentierten oder die Überflieger, die kümmern sich völlig von selbst darum, und die suchen auch nach alten Aufnahmen, oder wollen das noch hören oder das noch hören.
Die sind schon auf dem richtigen Weg. Mir ist eigentlich keiner über den Weg gelaufen, die sich mi der Historie nicht ganz klar oder im Detail auseinandergesetzt haben.

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14. KSM Letzten Donnerstag in der Zeitschleife 1:36
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O-TON JOACHIM ULLRICH
Wir hatten damals in Köln eine relativ kanonische Herangehensweise, das ist richtig. Die mussten alles machen von Dixieland bis Modern, und die Combos waren dann auch so eingeteilt. Das kann glücklich verlaufen - wie bei Peter -, das kann unglücklich verlaufen. Ich glaube, jeder pädagogische Ansatz hat mit Sicherheit den Keim des Scheiterns in sich. Das ist auf jeden Fall schon mal klar.
Ich persönlich habe einfach die Meinung, dass wir einen anderen Weg gehen sollten als den kanonischen. Nicht etwa weil ich die Historie nicht in irgendeiner Weise schätze, ich bin sicherlich jemand, der auch alle diese Dinge gemacht hat. Gerade als Schreiberling habe ich lange Zeit Stilkopien erstellt, um mich daran irgendwie zu messen.
Ich denke aber, die Situation, wie die Leute heute lernen, ist auch eine völlig andere als die, die wir hatten. Heute haben wir ja das Problem, dass alle jungen Leute über die Verfügbarkeit im Internet eigentlich alle Musik gleichzeitig und komischerweise gleichwertig zur Verfügung haben. Die Gleichzeitigkeit aller Informationen entwertet sozusagen die Information, weil sie sie nivelliert. Das Problem, das wir haben, ist nicht, dass die Leute keinen Zugang zu irgendwelchen tradierten Geschichten haben, sondern ab) dass sie das nicht einordnen können und b) wir ihnen dabei helfen können, etwas einzuordnen, etwas zu sortieren. So ähnlich wie man das bei der Tagesschau und bei den Nachrichten macht. Man muss aus der Vielzahl von Nachrichten etwas auswählen, und da können wir dabei helfen. Ich glaube aber nicht, dass wir DEN Weg weisen sollten.

© Michael Rüsenberg, 2011 Alle Rechte vorbehalten