Das Jazzstudium wird europäisch
WDR 3, 02.04.2011

MODERATION
Guten Abend und herzlich willkommen bei WDR 3 Jazz.
Am Mikrofon ist Michael Rüsenberg.
Die heutige Sendung beschäftigt sich erneut mit einem Aspekt der Ausbildung von Jazzmusikern.
Die ist seit langem schon grenz-überschreitend, etliche deutsche Jazz-Studenten haben in Hilversum, in London oder in Kopenhagen studiert. Das sogenannte „Erasmus“-Programm unterstützt sie dabei.
Jetzt greift ein neuer Studiengang diese Bewegung systematisch auf:
der „European Jazz Master“. 
Erasmus vs European Jazz Master - Das Jazz-Studium wird europäisch.
Doch zuvor besuchen wir zwei Institutionen, die ihr 25jähriges Bestehen feiern: die Jazzabteilung an der  Royal Academy of Music in London sowie das Rytmisk Musik Konservatorium in Kopenhagen.

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01. KIT DOWNES TRIO Frizzi Pazzi 6:22
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Das ist ein Absolvent der Jazzabteilung an der Royal Academy of Music in London. Er hat sich im vergangenen Monat mit seinem Trio auf einer ausgedehnten Tournee auch in Deutschland vorgestellt: der Pianist Kit Downes.

KIT DOWNES
Ich war von 2004 bis 2009 an der Royal Academy of Music – es war eine sehr schöne Zeit. Und ich finde gut, dass so ein Ort existiert.  Nicht alle profitieren davon gleichermaßen – die einen mehr als andere.
Die Idee, dass junge Leute gemeinsam lernen – das ist auch das Prinzip meiner Band. Wir würden gar nicht existieren, hätten wir uns nicht an der Akademie kennengelernt.
Wir spielen deshalb gerne zusammen, weil wir viele Erfahrungen und Werte teilen, schließlich haben wir 4 Jahren zusammen gelernt.
Jede Institution gibt sich ein bestimmtes Programm; die  Akademie setzt deutlich einen Schwerpunkt auf Bebop.
Ich finde das gut, denn es fordert einen heraus zu entscheiden, ob man das will oder nicht. Man muß eine Entscheidung treffen.
Man kommt dadurch in Bereiche, an die man vorher überhaupt nicht gedacht hat. Ein solcher Ort wie die Akademie ist ungeheuer wichtig, um sich selbst zufinden.

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02. TRISH CLOWES Sketch 3:50
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Auch diese junge Dame hat die Royal Academy of Music besucht:
die Tenorsaxophonistin Trish Clowes. Sie stützt sich hier auf die Rhythmusgruppe von Kit Downes, und sie hat einen der berühmtesten Absolventen dieses Institutes der letzten Jahre als Gast am Piano: Gwilym Simcock.

shiptonALYN SHIPTON
Die Jazzabteilung an der Royal Academy of Music besteht seit 25 Jahren. Sie wurde in die Gänge gebracht durch den Komponisten und Bassisten Graham Collier. Graham hat einiges dafür getan, damit international renommierte Musiker hier mit den Studenten arbeiten.
Und: zugleich mit den beiden anderen Jazzabteilungen hier in London gleichzuziehen: die eine an der Guildhall School of Music and Drama und die andere am Trinity College of Music and Drama. Daraus wurde dann der dritte große Jazz-Lehrgang in London.
Dank Grahams Verbindungen, national und international, konnte er rasch die anderen in den Schatten stellen, sowohl im Hinblick auf die Gast-Professoren als auch auf die Chancen, mit berühmten amerikanischen Musikern zu arbeiten.
Während Grahams Zeit hier habe ich Workshops besucht mit Cedar Walton, der vor vielleicht 15 Jahren mit den Piano-Studenten gearbeitet hat.
Grahams Platz wurde dann von Gerald Presencer eingenommen, den Trompeter, der heute auf der anderen Seite des Englischen Kanals arbeitet.
Seit 2009 wird die Abteilung von Nick Smart geleitet. Gerald war es gelungen, die Arbeit von Gragan fortzuführen, nämlich eine große Vielfalt an Instrumental-Professoren aus England und auch aus Übersee für die Arbeit mit den Studenten zu gewinnen.


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Das ist Alyn Shipton, Dozent für Jazz-Geschichte an der Royal Academy of Music, ansonsten BBC-Moderator und einer der profiliertesten Jazz-Publizistenin Engalnd . Gerade hat er eine Biographie über Cab Calloway veröffentlicht.
Daß er und nicht Nick Smart Auskunft gibt über die Akademie, das hängt schlicht damit zusammen, dass der Insitutsleiter bei meinem Besuch im Winter in London durch Schneeverwehungen in Schottland festgehalten wurde.


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03. GRAHAM COLLIER Sad Face Potter 3:43
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Das ist Graham Collier, der Gründer der Jazzabteilung an der Royal Academy of Music in London, und zwar in einer WDR-Nachtmusik, 1982.
 Das war drei Jahre vor Gründung der Institution.
Und ich frage Alyn Shipton, ob und inwieweit das damals gegen Widerstände geschah.

ALYN SHIPTON
Es hat einiger Kämpfe bedurft. Soeben ist die Autobiographie des Pianisten Michael Garrick erschienen, „Dusk Fire“, Darin stellt er deutlich heraus, dass „Jazz“ ein Unwort war im Establishment: es war schwierig, Stipendien zu kriegen. Es war schwierig, eine Ausbildung zu erlangen. 
Die Jazzabteilung hier galt lange Zeit als buckliger Verwandter des Großen Ganzen. Das hat sich peu a peu geändert, durch die Tatsache, dass Graham Collier als Komponist anerkannt war; dadurch dass es ihm gelungen war, Unterstützung durch das Arts Council zu erhalten - er war in dieser Hinsicht der erste, Ian Carr für „Solar Plexus“ der zweite.
Diesen beiden ist zu verdanken, dass Jazz in das System der öffentlichen Unterstützung aufgenommen wurde. 
MIichael Garrick beschreibt diese Entwicklung in seinem Buch, wonach erst in den 80er Jahren das Klima für Jazz in Großbritannien sich ins Positive wandelte.
Eine Ausnahme war Leeds im Nordosten Englands. Das Leeds College of Music startete seinen Jazz-Lehrgang noch früher, er ist sehr praxis-orientiert und arbeitet immer noch erfolgreich.


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04. MICHAEL GARRICK Ursula 4:25
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MODERATION
25 Jahre Jazz an der Royal Academy of Music in London.
Man kann dort wählen zwischen einem Bachelor-Abschluß, das Studium dauert vier Jahre und einem zweijährigen Master. Es wundert nicht, dass es in einer Metropole wie London auch andere Institute mit einer ähnlichen Zielsetzung gibt.
Z.B. die Guildhall School, an welcher der Kölner Pianist Florian Ross studiert hat und zu deren Dozenten lange Jahre der inzwischen verstorbene Trompeter Ian Carr gehörte.

ALYN SHIPTON
Es gibt durchaus Konkurrenz zwischen den drei Londoner Jazz-Studiengängen. Die Guildhall School hat eine sehr starke Performance Tradition, und ihre Arbeit mit Postgraduierten ist exzellent. Scott Stroman, ein Amerikaner, der die Big Band leitet, weiß sehr gut über das Lehrangebot in Berklee Bescheid, weil er selbst dort war. Scott hat daraus ein tolles Programm entwickelt.
Mit Gast-Vorstellungen - z.B. durch das Lincoln Center Jazz Orchestra - ist daraus ein absolut konkurrenzfähiger Kurs entstanden.Der Studiengang hier hat sich unter Graham und dann unter Gerald sehr gut im Hinblick auf die Lehrer entwickelt, die er gewinnen konnte. Wenn man Wert darauf legt, von bestimmten Lehrern unterrichtet zu werden, dann gibt es kein besseres Angebot als Henry Lowther, Gerald Presencer, Kenny Wheeler, Nick Smart. Bei uns steht die Entwicklung des einzelnen Instrumentalisten im Vordergrund.
Wir haben zwar auch ein Ensemble, aber das Trinity College hat sich mehr um dieses Thema gekümmert. Tim Richards hat z.B. im vergangenen Jahr mit dem dortigen Ensemble ein neues Werk beim Cheltenham-Festival aufgeführt, mit jungen Musikern aus Gloucestershire. Trinity ebnet für junge Musiker aus der Provinz den Weg in die Big Band mit Chancen, wie sie nur London bieten kann.
Eigentlich aber sehen wir unsere größten Konkurrenten im Leeds College of Music und im Birmingham Konservatorium.

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05. MARIUS NESET Golden Xplosion 5:25
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Von London nach Kopenhagen; von der Royal Academy of Music zum Rytmisk Musik Konservatorium - die verbindende Klammer trägt den Namen Django Bates.
Seit kurzem schmückt sich die Akademie in London mit ihm als „Gastprofessor“, seit 2005 ist er in Kopenhagen zuständig für die Postgraduierten.
Hier hören wir Django Bates in der Band eines Studenten, den er gleich erwähnen wird: Marius Neset, 25 Jahre alt, aus Norwegen, ein Saxophonist wie ein Überflieger.

bates
DJANGO BATES

Wir nennen es den „Solisten-Kurs“. Es ist das Pendant zu dem Studiengang in der klassischen Musik, wo jemand nicht als Orchestermusiker ausgebildet wird, sondern als Solist.
Natürlich existiert eine solche Trennung in Jazz, Rock oder Pop gar nicht - die meisten sind irgendwie auch Solisten oder sie komponieren ihre eigene Musik.
Wir haben wir Leute wie Marius Naset, der gerade das Studium abgeschlossen hat: ein unglaublicher Saxophonist. Wir haben uns zwei Jahre lang damit beschäftigt, wie seine handwerklichen Fähigkeit in Musik umsetzen kann. Welche anderen Fähigkeiten er noch hat.
Es sind 7 Studenten in diesem Studiengang, er hat gerade wieder begonnen.

MODERATON

„Golden Xplosion“, Titelstück des neuen Albums von Marius Neset.
 Bis vor kurzem war der norwegische Saxophonist noch Student am Rytmisk Musik Konservatorium in Kopenhagen.
Es besteht nun seit 25 Jahren, liegt äußerst idyllisch auf einer Insel gegenüber der Stadt und wird geleitet von Henrik Sveidahl.


HENRIK SVEIDAHL
Das Rhythmic Music Conservatory zu gründen, war lange Zeit ein Wunsch in der dänischen Jazz-, aber auch in der dänischen Rock-Szene. Nämlich eine eigene Ausbildung in diesen Musikfeldern anzubieten.
Die Klassischen Musik-Akademien waren seinerzeit nicht daran interessiert, auch solche Studiengänge einzurichten. Die Lösung war, einen Institution zu gründen, die sich ausschließlich um diese Musiken kümmert.

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06. NIKOLAJ HESS Planets 5:53
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MODERATION
Musik vom dänischen Pianisten Nikolaj Hess, der jüngst als Begleiter der Sängerin Caroline Henderson aufgefallen ist. Beide haben am Rytmisk Musik Konservatorium studiert.


HENRIK SVEIDAHL
„Rhythmische Musik“ ist ein eigenständiger Begrif in Dänemark. Natürlich haben wir auch unsere Probleme mit dem Begriff, in Dänemark aber hat er eine lange Tradition als Dachbegriff für alle die Musik-Genres, die aus der Verbindung von afrikanischer und europäischer Musik hervorgegangen sind.


MODERATION
„Rhythmische Musik“ - der Begriff erscheint in der Tat problematisch, denn die Klassische Musik beispielweise ist ja auch nicht nur „polyphone Musik“.


HENRIK SVEIDAHL
Genau da liegt unser Problem mit dem Begriff, denn „Rhythmus“ ist selbstverständlich auch eine starke Komponente in der gesamten Klassischen Musik. Ich persönlich bin deshalb gar nicht so scharf auf diesen Begriff.
Aber weil er so eine starke Stellung hat im dänischen Kulturleben, würde es schwierig, ihn zu ändern.

sveidahlHENRIK SVEIDAHL
Wir haben mit einem Musiker/Musiklehrer-Studiengang begonnen.
Die Stategie, die dem zu grunde lag, war, Musiker auszubilden, die gleichzeitig auch unterrichten können.
Später sind etliche neue Programme hinzugekommen.
Wir haben heute einen Musiktheorie-Studiengang, einen für Ton-Ingenineure, einen für Musik-Manager. Wir haben ein Programm, bei dem Bewegung eine wichtige Rolle spielt. Vor zwei Jahren ist Song-Writing hinzugetreten.
In diesem Sinne hat sich die Akademie stark verändert. Wir haben - so könnte man es vielleicht auf den Punkt bringen - wir haben als Jazz-Schule begonnen, natürlich in einem weiteren Sinne. Und in den letzten 10 Jahren haben wir die Perspektive sehr verbreitert. 


HENRIK SVEIDAHL
Die nach außen gerichtete Mobilität unserer Studenten ist sehr gering. Das ist ein Problem, denn es kommen viele Austausch-Studenten ans RMC.
Unglücklicherweise wollen nur wenige von uns ins Ausland. Wir haben festgestellt, dass die Umgebung in Berlin sehr attraktiv ist.
Die, die uns für ein Semester verlassen, gehen gerne nach Berlin. Das hat mit der Ausbildungsstätte zu tun - das Jazzinstitut Berlin ist sehr gut -, aber natürlich auch mit der Stadt selbst. tzten 10 Jahren haben wir die Perspektive sehr verbreitert.

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07. SCHNEEWEISS UND ROSENROT The End 2:30
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MODERATION
Schneeweiss Und Rosenrot - ein Riesenerfolg auf europäischen Festivals im letzten Jahr: 4 Musiker und Musikerinnen aus 4 Ländern.
3 von ihnen haben u.a. in Kopenhagen studiert, alle wohnen heute in Berlin.
Hätten sie ihr Studium nicht schon abgeschlossen - wären sie eigentlich ideale Kandidaten für einen neuen Studiengang, den auch das Rytmisk Musik Konservatorium anbietet und dabei vor allem auf Professor Django Bates setzt - den "European Jazz Master".

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08. SCHNEEWEISS UND ROSENROT Splendid 33  5:02
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HENRIK SVEIDAHL
Der zentrale Gedanke dieses Programmes ist: eine europäische Perspektive des Jazz. Wir alle wissen, dass der europäische Jazz heute sehr stark ist, wenn es um einen eigenständigen musikalischen Ausdruck geht.
Dieses Programm legt den Schwerpunkt darauf.

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09. EM Moving  4:17



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MODERATION
Der „European Jazz Master“ - ein Master-Studiengang von 4 Semestern, wobei die beiden mittleren im Ausland verbracht werden müssen:
in Kopenhagen, am Rytmisk Musik Konservatorium, in Amsterdam, am Konservatorium
, in Paris, am Conservatoire
, in Trondheim/Norwegen, an der Musikabteilung der norwegischen Universität für Naturwissenschaft und Technologie 
- und am Jazzinstitut Berlin, als Teil der Universität der Künste. 
Der Künstlerische Direktor dort ist Prof. Peter Weniger.



PETER WENIGER
Es gibdt ein Programm, das ist das sogenannte Erasmus-Programm, was es Studenten ermöglicht, auch schon innerhalb ihrer Regelstudienzeit Freisemester zu nehmen, zu anderen Hochschulen zu gehen und ein oder zwei Semester dort zu studieren. Einfach um einen anderen Input mal zu kriegen, um auch mal andere Länder zu sehen.
Nun wissen wir ja alle, dass es gerade in der Jazzausbildung immer so ist, dass man den Studenten auch mal nahelegt: Mein Gott, Amerika könnte/sollte auch mal sein. Wobei dann immer auch so ein bißchen verkannt wird, was auch Europa in Improvisierter Musik eigentlich zu bieten hat. Und ich glaube, dass wir uns da auch so einen kleinen Gegenpol schaffen wollten, dass es auch für ausländische Studenten aus andern Kontinenten interessant ist, mal nach Europa zu kommen. Europa ist eben nicht nur ein Land, sondern es sind sehr viele Regionen, die durchaus interessant sein können. Und wenn man da eben Studenten von vornherein ermöglicht, durch verschiedene Länder zu reisen und jeweils ein Semester dort zu absolvieren, dann kann man doch auch sehr viel von europäischen Gedanken vermitteln.
Und ein Studienbestandteil sind ja auch die sogenannten cultural studies: dass man also auch eine Vorlesung besuchen muss, in der über die Kultur des jeweiligen Landes oder der jeweiligen Region, in der man sich aufhält, ein wenig erzählt wird. Sodass die Leute wissen: aha, warum klingt eigentlich die Improvisierte Musik, wenn man´s dann Jazz nennenn will, in Norwegen anders als im Rheinland oder in Berlin oder in Frankreich; was sind da die Einflüsse? 
Das ist eigentlich Ziel des Ganzen.

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10. EM Etude No 1 3:17


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MODERATION
Das Berliner Trio EM: zwei Mitglieder haben am Jazzinistitut studiert: Eva Kruse und Eric Schaefer.
 Nun haben wir eben vom Leiter des Institutes, von Peter Weniger,
 gehört, der neue Studiengang „European Jazz Master“ solle auch amerikanische Studenten nach Berlin locken - will er ein Gegengewicht bilden zu „Berklee“, zu der weltberühmten Institution in Boston, USA?


PETER WENIGER
Das polarisiert mir zu sehr, wenn man sagt „Anti-Berklee“. Das glaube ich nicht. Was Euorpa zu bieten hat als Beitrag zur Jazzgeschichte, ich finde, das kann man mehr und mehr mit selbstbewußter Brust in den Jazz-Äther sozusagen hinausposaunen, das ist ein wichtiger Bestandteil.
Denken wir nur an phantastische Musiker: Jan Garbarek, Albert Mangelsdorff, die haben Jazzgeschichte geschrieben. Und natürlich sehe ich auch einen europäische Input in diese Musik den man auch featuren kann. Und ich glaube schon, dass Europa kulturell so vielschichtig ist, dass es sehr interessant sein kann für potenzielle Studenten aus dem Ausland, sich hier - wie sagt man so schön - Europa zu geben, 
über zwei Jahre hinweg.



MODERATION
Der „European Jazz Master“ mit den potenziellen Studienorten Amsterdam, Berlin, Kopenhagen, Paris, Trondheim - die Studienbedingungen und -inhalte stehen unter www.eujam.eu komplett im Netz.
Und man kann sich lebhaft die Talente vorstellen, die da entwickelt werden. 
Nur - ein Zeugnis „European Jazz Master“ werden sei nach 2 Jahren nicht mit nach Hause nehmen. Peter Weniger.

PETER WENIGER
Wenn wir dies auf internationaler Ebene einrichten, bräuchte das Jahre des Vorlaufs. Und die Hochschulen, die jetzt daran teilnehmen, haben sich gesagt: wir wollen das möglichst schnell mit unseren Mitteln in gemeinsamem Konsens auf die Beine stellen, weil wir denken, dass es nötig ist.
Insofern werden wir untereinander unsere Abschlüsse gegenseitig anerkennen. Wir wollen es probieren, es erstmal anlaufen zu lassen, um dann zu sehen, wie das Feedback ist, wie wird das angenommen? Und natürlich basteln wir daran, einen solchen Titel in naher Zukunft mal richtig offiziell vergeben zu können.
Aber das ist eine ganz lange Wegstrecke, die wir da nach zurückzulegen haben.


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11. PABLO HELD TRIO Phase II 7:09

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MODERATION
Der Pianist Pablo Held - ein Großtalent, das in Kürze sein Studium an der Musikhochschule Köln abgeschlossen haben wird.
 Pablo Held wäre ein ideale Kandidat für den "„European Jazz Master“.
 Allerdings - Köln gehört trotz seines guten Rufes gar nicht zu den 5 Ausbildungsstätten dafür.
 Prof. Joachim Ullrich, Prorektor der Musikhochschule Köln.

JOACHIM ULLRICH
Ich bin, wir alle sind von diesem Jazzmaster überrascht worden. Nicht nur, weil wir nicht gefragt worden sind, man ist ja ein bißchen zickig dann, ist ja klar. Sondern eher, weil wir diese Überlegungen sicher selber auch haben.
Weil man denkt: ok, wir müssen uns irgendwie internationalisieren, wir müssen überlegen, mit bestimmten Leuten zu kooperieren. Im Augenblick tun wir das ja auf anderen Ebenen über Erasmus, über Dozentenaustausch, Mobilität usw., das ist klar.
Aber insgesamt, ja, es hat mich überrascht, dass die Jungs und Mädels da so weit sind mit ihren Planungen und uns gar nicht gefragt haben „Möchtet Ihr vielleicht mitmachen?“.
Ist natürlich ein kleines bißche auch so eine Hauptstadt-Sache, dass man - glaube ich jedenfalls - auf eine bestimmte Art und Weise elitär ist. Ich kann es nicht sagen; ich weiß gar nicht, woran es liegt.
Es wäre aber auch schwierig - das muß man auch sagen -, wenn zwei deutsche Institutionen daran beteiligt sind. Und wenn die Berliner zu erst den Riecher hatten, dann sollen sie das auch machen!

MODERATION
Auch in London, an der Royal Academy of Music wird nicht für den 
„European Jazz Master“ ausgebildet.


ALYN SHIPTON
Ich weiß nicht, warum Großbritannien ausgeschlossen ist. Ich bin andererseits nur Gast-Professor und nicht Mitglied der Kernmannschaft.
Das Ganze erinnert mich an die Big Band der European Broadcasting Union, die einmal im Jahr spielt. Normalerweise findet man dort drei Österreicher, ein paar Deutsche, vier oder fünf Musiker aus Frankreich - und wenn´s ganz hoch kommt: einen Musiker aus Großbritannien. Das könnte daran liegen, dass wir ein klein wenig neben der EBU-Tradition uns befinden.
Ich vermute, der „European Jazz Master“ folgt einer sehr verwandten Philosophie wie die European Broadcasting Union Big Band. Überlicherweise geht´s auch dort um junge Musiker unter 35 Jahren.

PETER WENIGER
Da kann ich nur sagen, dass wir durch unsere internationale Lehrerschaft, die wir am Jazzstinstitut haben, auch schon frühzeitig darauf aufmerksam gemacht worden sind, dass es solche Bestrebungen gibt. Und wir sind auf den Zug auch aufgesprungen. Da ich dem Jazzinstitut verbunden bin, kümmere ich mich natürlich um das Jazzinsitut - deswegen sind wir anscheinend dabei.
Warum das Köln nicht ist, weiß auch nicht.
London war ursprünglich dabei. Das ließ sich aber schlecht realisieren, weil London, glaube ich, ein ganz anderes universitäres System hat. Da wären sehr viel Studiengebühren fällig, und insofern ließ sich das mit dem Grundgedanken, dem wir uns alle verpflichtet haben, nicht vereinbaren. Und so musste, glaube ich, London dann abspringen.


MODERATION
„Erasmus versus European Jazz Master“, so haben wir diese Sendung überschrieben - und die Protagonisten nach dieser Alternative befragt.
Prof. Peter Weniger, Jazzinstitut Berlin, und damit Teilnehmer am „European Jazz Master“.

PETER WENIGER
Es steht überhaupt nicht gegen Erasmus, ganz im Gegenteil. Ich denke eher, dass Erasmus ein hoch-wirksames Instrument ist, was viel Mobilität herstellt und herstellen soll. Erasmus würde, glaube ich, viel mehr Mobilität zulassen, als sie derzeit von den Hochschulen abgefodert wird.
So haben wir nur die Möglichkeit, uns Erasmus wirklich zunutze zu machen, das auf einem europäischen Level auch durch einen Master-Studiengang, der explizit darauf ausgerichet ist, das deutlich werden zu lassen.
Insofern, ohne Erasmus würde es den European Jazz Master nicht geben.
Wir sind auf Erasmus angewiesen und finden die Idee eigentlich ganz toll - die wird nur im Moment sehr stiefmütterlich behandelt.

MODERATION
Prof Joachim Ullrich, Musikhochschule Köln, Verfechter des Erasmus-Programmes und damit einer - ganz grob formuliert - „individuellen Lösung für Auslandsaufenthalte von Musikstudenten“.

JOACHIM ULLRICH
Ich finde nicht, dass man eine länder-übergreifend Ausbildung unbedingt braucht. Das kann man machen. Ich finde es auch bereichernd, ich finde es sinnvoll, klar. Wenn man aber das Erasmus-Programm ernst nimmt, wir haben das hier in der Hochschule jetzt wirklich auf diesen Punkt getrieben, dass Leute ein Jahr oder auch länger ´rausgehen können an eine andere Hochschule ihrer Wahl, die mit uns Erasmus-Partnerschaft hat, - und das sind eben genau die, das ist auch Paris, Amsterdam, das ist London, das ist Kopenhagen, Trondheim, alle diese Institutionen - und die können da einfach weiterstudieren.
Früher war das überhaupt nicht so, man hat Erasmus nicht ernst genommen: die mussten sich hier beurlauben lassen, dann mussten sie hintendran noch länger studieren. Das ist alles nicht mehr, wir haben jetzt ein Programm, wo man sagt: wenn du ein Jahr lang nach XY gehst, dann kannst du alles das tun. Und was immer du tust, das erkennenn wir dir an, weil wir finden, dass die anderen Hochschulen auch gute Bereiche haben. Wir erkennen das an in deinem Studium, und du muss auch hier nichts nachholen. Sondern, wenn du im dritten Jahr gehst und du kommst zurück - kommst du hier ins vierte.
Und ich glaube, dass das auch ein guter Weg ist, erst mal ohne große institutionelle Zusammenarbeit über Erasmus das sehr gut zu machen - zumal es da für die Studenten auch Geld gibt.

MODERATION
Jazz studieren im Ausland - Erasmus oder European Jazz Master? 
Noch ist letzter - zumindest - teilweise Zukunftsmusik, z.B. in Berlin.

PETER WENIGER
Die volle Schlagzahl wird bestimmt erst in zwei bis drei Jahren erreicht werden. Im Moment gibt es einige Institute, Berlin gehört noch nicht dazu, die einen Aufnahmeturnus gemacht haben. Wir fangen in diesem oder Anfang nächsten Jahres damit an, wir werden aber schon im Sommersemester und im Wintersemester 2011 von den anderen Institutionen die Studenten empfangen, die in diesem Studiengang drin sind.
Und im Moment ist es so, dass es auf die bestehenden Master-Studiengänge aufgesetzt wird.


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12. GWILYM SIMCOCK TRIO A typical Affair 11:18
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© Michael Rüsenberg, 2011 Alle Rechte vorbehalten