Musik und Evolution*
Funkkolleg Musik, HR2, 19.11.2011

ANSAGE ALBERT MANGELSDORFF

mangelsdorffDas Motiv stammt von einer Meise, genauer gesagt: von eine Kohlmeise, die mich ein ganzes Frühjahr lang, morgens zwischen fünf und acht, vor meinem Schlafzimmerfenster, unheimlich genervt hat.
Wenn man da so liegt und hört sich das so an, und kann nix machen, verjagen kann man´s auch nicht, habe ich versucht, aus der Not eine Tugend zu machen und mir dieses Motiv, was ja sehr einfach ist, aber rhythmisch ziemlich raffiniert, mir einzuprägen und mir auch noch Harmonien dazu zu denken und daraus ein Stück zu machen.
Wenn Sie sich das vorstellen, das ging damals: di-di-dit.....den ganzen Morgen lang.
Na gut, ich habe das dann aufgeschrieben und dieses kleine Stück daraus gemacht.

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MUSIK: UNITED JAZZ + ROCK ENSEMBLE Meise vorm Fenster

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SPRECHERIN

Das United Jazz + Rock Ensemble spielt „Meise vorm Fenster“ von Albert Mangelsdorff.
Der 2005 verstorbene Frankfurter Jazz-Posaunist war ein ausgesprochener Kenner der Vogelwelt, ein Amateur-Ornithologe.
Wie etliche Komponisten in den Jahrhunderten vor ihm - denken wir nur an Olivier Messiaen oder an Wolfgang Amadeus Mozart - ließ sich auch Mangelsdorff durch den Gesang der Vögel inspirieren.

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O-TON ALBERT MANGELSDORFF

Ich bin vorn vornherein der Meinung: die meisten Vögel machen Musik. Das ist Musik. Nur findet die nicht immer mit unseren Tönen statt oder mit unseren Tonfolgen. Also wenn ich eine Amsel nehme - okay, die macht zum großen Teil Dinge, die uns geläufig sind. Da kann man immer wieder auch irgendwelche bekannten oder naheliegenden Melodien raushören.
Das meine ich nicht, das ist mir nicht so wichtig als viele Vögel, die in einer ganz anderen Temperatur ihre Musik machen. Da gibt es nicht die chromatische Tonleiter oder die diatonische Tonleiter, sondern da gibt es Skalen, Tonfolgen, die total außerhalb unseres Systems sind. Und das würde ich gerne nachvollziehen. Weil es wirklich Musik ist!

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SPRECHER 2

Diese Auffassung von Albert Mangelsdorff wird von vielen Autoren geteilt, z.B. von Csaba Bornemisza, Musikwissenschaftler und seit 1994 Cellist bei den Wiener Philharmonikern. Er kommt in seinem Buch „Musik der Vögel“ zu dem Schluss:

ZITATOR

Vogellieder sind, verglichen mit den akustischen Signalen anderer Tiere, überaus hochstehend und weisen im Vergleich mit der menschlichen Musik ein ästhetisches Erscheinungsbild und musikalischen Gehalt auf. Obwohl diese Tonbildungen gegenüber den menschlichen meistens kürzer, einfacher strukturiert und „emotionell“ sowie bewußtseinsmäßig niedriger einzustufen sind, sind sie mit Recht „Musik“ und „Gesang“ zu nennen.

 SPRECHER 2

Ganz ähnlich äußert sich der Wiener Musikwissenschaftler Werner Schulze über die akustischen Hervorbringungen einer anderen Tiergattung, die ebenfalls als eine sehr „musikalische“ gilt - Wale.

 ZITATOR

Was ist vom musikalischen Standpunkt aus zu den Walgesängen zu sagen? Neben Schnatter-, Grunz- und Röhrgeräuschen kommen klangschöne Glissandi in Auf- und Abwärtsbewegung vor, wir begegnen einer Diatonik mit Tonleiterformen unter Anvisieren des Oktavrahmens, wir finden Motivbildungen und Dreiklangsbrechungen; Tongebilde also, die auf ähnliche Bausteine zurückgreifen wie die Musik des Menschen.

SPRECHER 2

Schulze geht noch einen Schritt weiter und meint:

ZITATOR

Es ist nicht unberechtigt, von einem Universalgesang der Natur zu sprechen.

O-TON ALBERT MANGELSDORFF

Es ist nun mal Musik - ich höre es so schon seit meiner Kindheit und finde, dass es eigentlich egal ist, aus welcher Intention die Vögel das nun machen. Ich muss mich mit der Tatsache anfreunden, dass das Musik ist. Abgesehen davon, dass man sogar eine Theorie aufstellen könnte, dass der Mensch vielleicht das Musikmachen von daher hat.
Warum hat er irgendwann mal Flöten gebaut und darauf gespielt? Das kann doch durchaus aus dieser Richtung gekommen sein?

SPRECHERIN

Haben die Menschen ihre Musik vielleicht von den Vögeln „abgeschaut“, wie Albert Mangelsdorff vermutet? Was sagt die moderne Wissenschaft dazu?

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O-TON TECUMSEH FITCH 

Ja, ich finde, das ist ein schönes Bild. Aber dass dies der Ursprung der Musik ist, finde ich ist eine schöne Idee, eine interessante Idee. Aber es ist sehr schwer für mich als Wissenschaftler zu sagen: Ja oder Nein. Wie würden wir diese Idee testen? Und ich muss sagen, ich habe keine gute Idee dafür.

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SPRECHER 2

Tecumseh Fitch, ein amerikanischer Wissenschaftler am Institut für Kognitive Biologie der Universität Wien.


II.

SPRECHERIN

Können die Laut-Äußerungen von Vögeln und Walen - um nur die „musikalischsten“ Tiergattungen zu nennen - wirklich als Musik bezeichnet werden?
So beeindruckend die Beschreibung der Gemeinsamkeiten in ästhetischer Hinsicht ausfallen mochte, sie hat immer wieder viel Widerspruch erfahren.
Etwa durch Peter Kivy, einen in der amerikanischen Musikphilosophie renommierten Autor, in seinem Buch „Music Alone“, erschienen 1990.

ZITATOR

Wieviel auch immer am Vogel-“Gesang“ wie Musik klingen mag, es kann nicht Musik sein - es sei denn, wir billigen den Vögeln ein uns vergleichbares mentales Leben zu. Was wahrscheinlich die wenigsten von uns wollen.

However much bird ´songs´ may sound like music, they cannot be music - unless, of course, we ascribe to birds a mental life comparable to our own, which few of us will want to do.

SPRECHER 2

Peter Kivy sagt, mit anderen Worten: Musik kann nur der machen, der über einen Geist verfügt wie der Mensch.

SPRECHERIN

Diese Position wird von der modernen Musik-Biologie nicht geteilt. Björn Merker aus Schweden, geboren in Böhmen, ist einer ihrer führenden Vertreter.

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O-TON  BJÖRN MERKER

bjorn_merkerErstens kann man dazu sagen, könnten da strukturell große Gemeinsamkeiten sein, ohne dass das ganze mentale Leben da ähnlich sein müsste.

Man kann sich also denken, dass ein Vogel mit einem sehr verschiedenen mentalen Leben als unseres, Geistesleben, doch muskalische Muster erzeugen könnte, dass wir als musikalisch und artistisch erkennen. Und das ist, glaube ich, unwidersaglich. Denn es gibt Vögel, wie z.B. der Mockingbird (Spottdrossel) in Kalifornien oder der Pied Butcher Bird.

Der Francois-Bernard Mâche, der französische Komponist, nennt den Pied Butcherbird (Schwarzkehl-Krähenwürger) von Australien „mein Kollege“. Und das ist nur strukturell, d.h. wie es sich anhört.
  
Heute wissen wir durch die Studien von Clayton und anderen mit den Scrub Jays (Buschhäher) und auch anderen Vögeln, die Papageien mit Alvin Pepperberg, dass die geistigen Leistungen, die kognitiven Leistungen dieser Vögel sind viel mehr, als man einmal dachte. Die Größe des Gehirns, verglichen mit dem Körper, da sind die Vögel den Primaten gleich - nicht den Säugern, sondern die obere Schicht der Säuger, die Primaten, und zeigen in den Labortests sehr avancierte kognitive Fähigkeiten.

Man muss auf die strukturellen Charakteristika schauen: Musik ist generativ, Spache ist auch generativ. Durch eine kleine Sammlung von Elementen (die Noten der Tonleiter und Notenlängen von der rhythmische Element) baut man wunderbare, große, komplexe Muster auf. Das hat Wilhelm von Humboldt für die Sprache beschrieben als „generativer Aspekt“. Eine kleine Sammlung vom Alphabet schaffen wir unbegrenzte Mengen von Sätzen. Und auch in der Musik: eine kleine Sammlung von Noten und Durationen, Notenlängen - unbegrenzte Muster können daraus geschaffen werden. Das ist generativ, nennt sich ein Humboldt-System, nach dem Wilhelm von Humboldt.

Und die Vögel zeigen uns dasselbe. Z.B der sedge warbler (Schilfrohrsänger) hat 50 Elemente, 50 verschiedene kleine Gesangselemente, und die kombiniert er in verschiednen Reihen. Die Sequenz ist nicht bestimmt vom Genetischen oder von der Gattung, sondern der Vogel kombiniert sie frei in Reihen, die sich fast nie wiederholen.

Er hat eine unbegrenzte Gesangmuster-generative Kapazität, und da ähnelt er, was ein Musikant macht.

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SPRECHERIN

Nicht alle Naturwissenschaftlern sind freilich der Auffassung, dass die Laut-Hervorbringungen z.B. von Vögeln als „Gesang“ bzw. als „Song“ bezeichnet werden können. Die beiden amerikanischen Neuro-Wissenschaftler Josh Dermott und Marc Hauser ziehen eine deutliche Grenze zwischen den unterschiedlichen Funktionen der Musik der Menschen und der Tiere.

ZITATOR

1. Der Verhaltensbereich des tierischen Song ist extrem begrenzt gegenüber dem menschlichen, er ist definiert durch seine Funktion im Zusammenhang von Revier-Verteidigung und Balz.

2. Der Tier-Song funktioniert ausschließlich als Kommunikation, ohne Solo-Performances und ohne Unterhaltungs-Zweck, wohingegen der menschliche Gesang typischerweise zur reinen Unterhaltung entsteht

3. Unter den meisten singenden nicht-humanen Spezies ist Gesang in erster Linie eine Sache von Männern, was auf den Menschen nicht zutrifft

SPRECHER 2

Der Biologe Tecumseh Fitch von der Universität Wien hat sich Punkt für Punkt mit diesen drei Argumenten auseinandergesetzt und darin z.T. falsche Sachangaben entdeckt.

SPRECHERIN

So singen z.B. keineswegs nur Vogel-Männchen. Bei manchen tropischen Vogelarten singen auch die Weibchen, und - es gibt ausgesprochene Vogel-Duette.

SPRECHER 2

Tecumseh Fitch kommt zu dem Schluss:

ZITATOR

Keines dieser Argumente liefert zwingende Gründe, um die traditionelle Analogie zwischen menschlichem und tierischem Song aufzugeben. Sie geht auf Aristoteles (um 350 vor Christus) zurück und wurde auch von Darwin und anderen vertreten.

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O-TON TECUMSEH FITCH 

Wir wissen, dass Vögel sind anders als wir, die Gehirn ist total anders. Aber wenn das Verhaltensweise ist sehr ähnlich zu uns. Und es macht für uns eine ästhetische Response und auch besonders für weibliche Vögel. D.h. es gibt irgendetwas, das gemeinsam ist zwischen diese zwei Arten. Das heißt nicht, es ist alles gleich oder irgendwas. Das wär´ Wahnsinn. Aber es gibt etwas, das gemeinsam ist. Ich glaube, das ist eine sehr glaubhafte Hypothese.

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SPRECHER 2

Tecumseh Fitch betont die Gemeinsamkeiten zwischen der Musik der Menschen und der Musik der Vögel. Dabei interessieren ihn als Biologen weniger die Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die ästhetischen Aspekte - also etwa bestimmte Tonfolgen -, sondern insbesondere im Hinblick auf das Verhalten der Vögel.

SPRECHERIN

Es ist wichtig, zwei Arten der Gemeinsamkeit zu unterscheiden: analog und homolog.

„Analog“ bedeutet: eine Gemeinsamkeit zwischen zwei Arten ist unabhängig voneinander entstanden. Wohingegen eine „homologe“ Gemeinsamkeit auf einen gemeinsamen Vorfahren zwischen zwei Spezies zurückgeht.

 

SPRECHER 2

Sind die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen- und z.B. Vogel-Musik demnach analog oder homolog? Tecumseh Fitch:

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O-TON TECUMSEH FITCH

Sicher analog. Das heisst, dass die Vorvater, die Menschen und Vögel gemeinsam, diese Vorvater hat nicht die Fähigkeit Vokal-Lernen. Das ist etwas, das in Vogel und uns und auch z.B. in Seerobben oder in Walen, jede von diese Gruppe hat es selbst entwickelt, unabhängig entwickelt.

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SPRECHERIN

Tecumseh Fitch, amerikanischer Wissenschaftler am Institut für Kognitive Biologie der Universität Wien, stellt hier eine gemeinsame Eigenschaft heraus zwischen Menschen und bestimmten Tiergattungen, die von zentraler Bedeutung ist für unser Thema: das vokale Lernen.

Das ist ein zentraler Begriff bei ihm und vielen anderen Wissenschaftlern. „Vokal-Lernen“ meint nicht das Erlernen der Vokale „a, e, i, o, u“, sondern überhaupt den Erwerb eines stimmlichen Ausdrucks, das Lernen, Laute zu bilden.

SPRECHER 2

Demnach sind zu „Gesang“ nur diejenigen Gattungen fähig, die auch das Vokal-Lernen beherrschen: Vögel, Seerobben, Wale.

SPRECHERIN

Bleiben wir zunächst in der Vogelwelt. Es gibt weltweit rund 9.000 Vogelarten - nur 4.000 aber sind Singvögel, das ist nicht einmal die Hälfte.
Warum singen die anderen nicht?
Tecumseh Fitch:

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O-TON TECUMSEH FITCH 

tecumseh-fitchBei Vögeln ist halb-halb sehr gut. Bei Säugetieren ist es eine viel kleinere Proportion, die kann lernen...sicher weniger als 10 Prozent, vielleicht weniger als 5 Prozent. Ich könnte fragen, warum so viele Vögel Vokallernen können? Aber die Frage ist, warum haben es die anderen nicht? Und ich glaube, viele Vögel brauchen das einfach nicht. Es gibt keinen Grund, warum sollte ein kikeriki ein kompliziertes, ein kreatives Werk - so wie eine Amsel oder ein Rotkehlchen oder viele andere Vögel -, das reicht für die in ihrer Umwelt. Die angeborene Laut reicht, und wir sollen nicht fragen: wären sie nicht besser oder froher , wenn sie Lernen haben. Warum haben Schweine nicht Gefieder? Weil sie brauchen sie nicht.

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SPRECHERIN

Die Gemeinsamkeit, die uns erlaubt, auch bei bestimmten Tiergattungen und nicht nur beim Menschen bei entsprechender Tätigkeit von „Musik“ zu sprechen, sie zeigt sich aus evolutionärer Perspektive in der Fähigkeit des sogenannten Vokalen Lernens.

 III.

 SPRECHER 2

Einer der Fachleute auf dem Gebiet des Vokal-Lernens ist der Neuro-Biologe Erich Jarvis von der Duke University in Durham/North Carolina.

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erich-jarvisO-TON ERICH JARVIS
All vocal learning species, including humans, that we have seen to date, use their learned vocalisations to attract mates and be defensive .. territory, including humans, okay?
It´s only a subset of those species then went on to use learned vocalisaton for more abstract communication, which is to communicate the type of predator in the area, the size of the predator. Chickadees (amerikanische Meise) do this, which is a songbird.
That subset of species that does that more than others, is humans and dolphins and some parrots. Once they were going on to use the learned sounds for semantic like communication, then there is variation in degrees of that ability. Humans beeing the most advanced, and African great parrots beeing the second most advanced. To the point where African Grey parrots (Graupapagei) can specifially communicate with humans. You can teach an African great parrot to understand human speech, four, five words at a time and answer to you in human speech - two or three words at a time. With very rudimentary syntax. But something that cannot be done still by a zebrafinch songbird (Zebrafink), and not even come close to it in a chimpanse.
What I am arguing here is that once the trait of vocal learning evolves, the function of that trait started I think in all species including the ancestor of humans to sing to attract mates.
I think that´s what we are using it for. And then it became used for semantic communication. And there are various degrees of that complexity for different species.

Alle Spezies, die Vokal-Lernen beherrschen, auch die Menschen, tun dies mit dem Ziel, Partner des anderen Geschlechtes anzulocken und ihr Territorium zu verteidigen. Und lediglich eine Untergruppe dieser Spezies hat das Vokale Lernen zu abstrakteren Formen der Kommunikation entwickelt, z.B. für Mitteilungen über einen Eindringling in ein Gebiet, über die Größe des Eindringlings. Die amerikanische Meise kann das, sie gehört zu den Singvögeln.
Zu den Gattungen, die dies mehr als andere beherrschen, gehören Menschen, Delphine und einige Papageien-Arten. Insoweit sie diese Fähigkeit zu einer semantischen Form der Kommunikation entwickelt haben, gibt es Unterschiede in ihrer Qualität. Die Menschen sind am meisten fortgeschritten, gefolgt von den Graupapageien in Arika. Das geht so weit, dass der Graupapagei auch mit Menschen kommunizieren kann. Man kann einem afrikanischen Graupapagei beibringen, vier, fünf Worte zu verstehen und er wird auch in menschlicher Sprache antworten - mit zwei, drei Worten, in einem sehr rudimentären Satzbau. Das z.B. kann der Zebrafink nicht, vom Schimpansen ganz zu schweigen.
Was ich damit sagen will, ist dies: wenn dieses Merkmal des vokalen Lernens erst einmal entwickelt war, so bestand seine Funktion in allen betreffenden Spezies, inklusive der Vorfahren des Menschen, darin, mit Gesang Sexualpartner anzulocken. Und später entwickelte sich semantische Kommunikation daraus. Diese Fähigkeit ist in unterschiedlichen Stufen der Komplexität unter verschiedenen Spezies verbreitet.

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SPRECHER 2

Erich Jarvis sagt, dass Singvögel und Menschen ähnliche - aber nicht identische - Muster der vokalen Kommunikation entwickelt haben, und er findet diese Ähnlichkeiten auf der neuronalen und molekularen Ebene.

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O-TON ERICH JARVIS 

What we find is that we humans and these song-learning birds - that is parrots, humming birds and songbirds - all have a set of forebrains that controll the ability to imitate and produce imitated sounds. Those brain areas are similar between humans and parrots, and songbirds, you cannot find those brain areas in a non-human primate. You can´t find them in a chimpansee, you can´t find them in a monkey, you can´t find them in a chicken.
So how did we humans and parrots come up with a similar brain design, if we don´t apparently have common ancestor with it?
What we an others have found is that those brain areas in parrots and in humans are embedded within a pathway that controlls movement. And we think it controlls movement for learned movements like learning how to dance, doing gesturing with speech and so on.
And those brain areas that controll movement are similar to the brain areas that controll the ability to produce imitated sounds. So what we argue is that the brain areas for spoken language in humans and the brain areas for singing in the birds have emerged out of the brain areas that controll learned movement. And that´s why they are similar between humans an parrots. And the deep homology is the brain areas that controll learning how to move, learning how to dance.

Wir wissen, dass sowohl beim Menschen als auch bei den Gesangvögeln - das sind Papageien, Kolibris und Singvögel - das Vorderhirn die Fähigkeit steuert, Klänge zu imitieren. Diese Hirnregionen sind ganz ähnlich zwischen diesen Tieren und den Menschen. Sie fehlen unter nicht-humanen Primaten.
Man findet sie auch nicht unter Affen, unter Schimpansen oder unter Hühnern. Warum aber haben wir Menschen und diese Vogelarten ähnliche Gehirn-Strukturen entwickelt, wo wir doch ganz offenkundig über keinen gemeinsamen Vorfahren verfügen?
Zusammen mit anderen haben wir herausgefunden, dass diese Hirnregionen eingebettet sind in einen Signalweg, der Bewegung kontrolliert. Es handelt sich um die Steuerung von erlernten Bewegungen wie z.B. Tanzen, Gestikulieren beim Sprechen usw. Diese Hirnregionen nun, die also die Bewegung steuern, sind sehr ähnlich denen, die für das Herstellen von imitierten Klängen zuständig sind. Sodass wir nun sagen: die Hirnregionen für Sprache beim Menschen und die Hirnregionen für den Gesang bei Vögeln sind aus den Regionen entstanden, die erlernte Bewegungen steuern. Und deshalb sind sie ähnlich zwischen Menschen und z.B. Papageien. Und die tiefe, homologe Verwandtschaft besteht zwischen den Hirnbereichen, die Bewegung und Tanz steuern.

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IV.

 SPRECHERIN

Fassen wir noch einmal zusammen: egal ob wir die Laut-Äußerungen bestimmter Tierarten nun als „Musik“ bezeichnen oder nicht - sie beruhen, wie beim Menschen, auf Hirnaktivitäten, die die Neurowissenschaftler unter dem Begriff „Vokales Lernen“ zusammenfassen.

SPRECHER 2

Die Laute von Hunden und Katzen beispielsweise gehören nicht dazu: sie sind angeboren.
Sie werden nicht erlernt, sie können deshalb auch nicht variiert werden. Wohingegen bei Wal- und Vogelgesang verschiedene Traditionen, ja sogar lokale „Dialekte“ innerhalb einer Tierart entdeckt worden sind.

SPRECHERIN

Vokales Lernen und Steuerung von Bewegung hängen zusammen. Und „Bewegung“ heißt insbesondere auch - wie Erich Jarvis sagt - Tanz.

SPRECHER 2

Wer tanzt, muss den Rhythmus halten, den Beat. Ja, er muss ihn erst einmal erkennen.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts konnten zwei Forscher - Ernst Meumann und Thaddeus Bolton - zeigen, dass die Rhythmuswahrnehmung eine Eigenaktivität des Menschen ist.

 SPRECHERIN

Dass heißt: wir „warten“ nicht auf die eingehenden Impulse eines Rhythmus, sondern wir nehmen sie sozusagen vorweg. Tanzen ist ein sehr ausgeklügelter Vorgang: wir bewegen uns zu einem Modell in unserem Kopf. Rhythmus-Empfinden heißt nicht: Reagieren auf einen Impuls, sondern dessen Antizipation, dessen Vorwegnehmen.

 SPRECHER 2

Affen sind nicht dazu in der Lage. Affen gehören zu den wenigen nicht-humanen Spezies, die zwar mit ihren Händen Geräusche produzieren können - aber sie können sich nicht synchron zu einem Metronom bewegen. Mexikanische Forscher fanden heraus:
Affen reagieren auf jeden einzelnen Impuls, sie tappen deshalb immer 200 bis 300 Millisekunden dem Beat hinterher.

 SPRECHERIN

Aniruddh Patel vom Neurosciences Institute in San Diego formulierte deshalb 2006 die Hyphothese, dass ein vokal-lernendes Gehirn Voraussetzung ist, um sich zu einem Beat bewegen zu können.

 SPRECHER 2

Bestätigung erfuhr seine Hypothese wenig später aus einer Ecke, wo Patel es wohl am wenigsten erwartet hatte: auf der Internet-Plattform YouTube.

SPRECHERIN

Dort ist, millionenfach angeklickt, „Snowball“ zu sehen, ein 12-jähriger, männlicher Kakadu, der zu einem Song der Backstreet Boys tanzt. Die Forscher waren zunächst skeptisch, hielten das Video für eine Fälschung, haben sich dann aber doch eingehend mit „Snowball“ beschäftigt - mit frappierendem Ergebnis.

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O-TON JOHN IVERSEN

john iversenSo we really studied this individual bird in detail. There is another group that actually did more of a broad survey and the found examples of other similar species of bird, parrots and cuckatoos that were moving in time with music.
So, I don´t think it is unique to just this one bird. I think it is a capability that they must share with us. Interesting question of course: why humans and birds? What do we have in common?
And so one thing, I thought this was proposed by Any Patel, that maybe vocal learning is the important link. Obviously parrots can learn to imitate almost any sound. Which, if you think about it, is a pretty difficult skill. You have to hear something and then create a movement that reproduces the sound. And you have to check the sound that you´re producing with the one you´re hearing and kind of compare the two and modify your movements. So we think that leads to very strong connections between auditory and motor systems.
But another feature that we´re both very social. It´s clear that Snowball dances much more when he dances with a person, that´s certainly true for humans as well.

Wir haben diesen Vogel wirklich im Detail untersucht. Gleichzeitig hat eine andere Gruppe eine größere Studie unter verwandten Vogelarten unternommen und ist zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.
Die Fähigkeit zu tanzen, ist also nicht nur auf diesen speziellen Vogel beschränkt. Es ist eine Fähigkeit, die er mit dem Menschen teilt.
Da entsteht die interessante Frage: warum Menschen und Vögel? Was haben sie gemeinsam?
Mein Kollege Ani Patel hat als Antwort vorgeschlagen: das Vokal-Lernen ist die entscheidende Verbindung. Ganz offenkundig können Papageien fast jeden Klang nachahmen, das ist eine ziemlich schwierige Fertigkeit. Man muss, wenn man etwas hört, eine Bewegung in Gang setzen, die diesen Klang nachahmt. Man muss den eigenen Klang überprüfen mit dem, den man hört, man muss beide vergleichen und seine eigene Bewegung anpassen. Wir gehen davon aus, dass dafür eine starke Verbindung zwischen dem auditorischen und dem Bewegungsapparat nötig ist.
Und noch etwas: wir sind beide soziale Wesen. Snowball tanzt viel mehr, wenn er mit einer Person zusammen tanzen kann. Und das gilt für Menschen ebenso.

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SPRECHER 2

In ihrer „Snowball“-Studie betonen Patel und Iversen die Notwendigkeit, ein Modell zu entwickeln, das erklärt, wie Tiere sich zu Musik bewegen. Ein solches Modell könne auch wichtig sein für das Studium von Bewegungsstörungen beim Menschen, z.B. bei Parkinson-Patienten.

 V.

SPRECHERIN

Haben nur Menschen Musik? Musik und Evolution.

Das letzte Wort in dieser Folge gebührt dem Neuro-Biologen Erich Jarvis von der Duke University in Durham/Nord Carolina.

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O-TON  ERICH JARVIS

The most surprising thing that really knocked me out, is when we discovered that three independent lineages of vocal learning birds - the parrots, humming birds and songbirds - each appeared to have independently evolved seven similar brain-structures for the vocal learning trait in the last 65 million years. Which meant to me, that Mother Nature says: if you are going to evolve this vocal learning trait - there is really almost only one way to do it, with some variation. And we consider this vocal learning trait one of the most complex traits that has evolved in vertebrates, it gives us spoken language. So that meant to me: that if they can come up with a similar solution - over 65 million years three independent times, with seven complex brain-structures - then what about humans? Would be an exception? And my answer so far was - not surprisingly anymore - is: yes, we humans have come up with a similar solution, with variations, but more similarities than differerences.

Der Befund, der mich am allermeisten überrascht hat, ist, dass drei voneinander getrennte Abstammungslinien vokal-lernender Vogelarten (nämlich Papagei, Kolibri und Singvögel) ganz offenkundig unabhängig voneinander in den vergangenen 65 Millionen Jahren sieben ähnliche Hirnstrukturen entwickelt haben für das Merkmal „Vokales Lernen“.
Das bedeutet für mich, dass Mutter Natur sagt: wenn Ihr diese Eigenschaft ausbilden wollt, dann gibt es eigentlich nur einen Weg dorthin; mit ein paar Variationen.
Und wir meinen, dass das Vokal-Lernen eine der komplexesten Eigenschaften unter Wirbeltieren ist, sie erlaubt uns schließlich auch zu sprechen. Wenn also eine so sehr verwandte Lösung gefunden wird - in über 65 Millionen Jahren dreimal unabhängig voneinander, mit sieben komplexen Hirn-Strukturen -, was bedeutet das für den Menschen? Sind wir vielleicht eine Ausnahme?
Meine Antwort lautet - nicht mehr ganz überraschend -, wenn wir Menschen zu einer ähnlichen Lösung gefunden haben - mit einigen Abweichungen, das ist klar -, dann gibt es insgesamt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.


Albert Mangelsdorff: Interview im September 1999, Frankfurt/M, Alte Oper
Tecumseh Fitch: Interview am 13.05.2011, Frankfurt/M, Strüngmann-Forum
Björn Merker: Interview am 12.05.2011, Frankfurt/M, Strüngmann-Forum
Erich Jarvis: Interview am 13.05.2011, Frankfurt/M, Strüngmann-Forum

Literatur
CSABA BORNEMISZA Musik der Vögel. Wien, 1999
TECUMSEH FITCH The biology and evolution of music: a comparative perspective in cognition. In: The Nature of Music 100, 2006
PETER KIVY Music Alone. Ithaca, 1990
REINHARD KOPIEZ Der Mythos von Musik als universell verständliche Sprache.
in: C. BULLERJAHN, W. LÖFFLER Musikermythen. Hildesheim, Zürich, New York, 2004
WINFRIED MENNINGHAUS Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin. Berlin, 2011
ANIRUDDH PATEL Interview in Discover Magazine, The Brain. 2011
WERNER SCHULZE: Musik in der Natur. In: Bornemisza, 1999
NILS L. WALLIN, BJÖRN MERKER, STEVEN BROWN (Hg) The Origins of Music. Cambridge/MA, 2001

*Dieses Sendemanuskript ist in überarbeiteter Form erschienen in
Volker Bernius (Hg): Sinfonie des Lebens. Funkkolleg Musik. Die gesendeten Beiträge. 287 S, 15.99 €, Schott-Verlag, 2012
podcast
© Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalte