Musik als Weltspache*
Funkkolleg Musik, HR2, 17.12.2011

SPRECHER 1

1980 bereist der Berliner Schriftsteller Peter Schneider auf Einladung des Goethe Institutes Südamerika. In seinem Buch „Die Botschaft des Pferdekopfes“ schildert er u.a. Eindrücke von einer Reise an den Amazonas:

ZITATOR

Fünftausend Flugkilometer von Rio de Janeiro entfernt nahm ich an einem Sonntag den Bus von Manaus in den Urwald (...)

Endstation (...)

Weit stärker als das Rauschen des Wasserfalles war die Musik, die aus einer Holzhütte weiter oben drang. Es war ein Rundbau mit offenem Dach, wie wir ihn aus unseren Breiten von besetztem Gelände in Brokdorf oder Wyhl kennen. Aber diese Musik rührte nicht von den Urwaldtrommeln her, wie ich sie im Museum gesehen hatte, nicht von den Bambusflöten, wie sie auf den Covern der Folklore-Platten abgebildet sind, nicht von der Charanga, die ich in Buenos Aires und in Rio gehört hatte. Die Musik kam aus wattstarken Boxen, wahrscheinlich japanischen Ursprungs: alles Lieder, die ich samt der Reihenfolge aus der Hitliste des Berliner AFN kannte.

SPRECHER 2

Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neuro-Wissenschaften in Leipzig hat ähnliche Beobachtungen in Afrika gemacht:

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 O-TON: THOMAS FRITZ

Auch in Afrika ist es z.B. jetzt noch nicht mal unbedingt Radio der Faktor, der das dorthin transportiert, sondern oft ist es auch tatsächlich Christianisierung, Missionisierung. Erst wenn man mal in so einem Gebiet ist, dann stellt man fest, wieviel davon heute eigentlich Realität ist. Das ist jetzt keine Märchengeschichte von vor 50 oder 100 Jahren, sondern das ist total harte Realität.

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SPRECHER 1

Kann Musik Grenzen überschreiten?

Das Vordringen westlicher Musik in alle Welt ist offenbar so weit fortgeschritten, dass diese Frage als überflüssig erscheinen mag.

 

SPRECHER 2

Der amerikanische Musikpsychologe David Huron stösst, 30 Jahre nach Peter Schneider, gleichfalls in einer ablegenen Amazonas-Region, auf ein ähnliches Phänomen: er trifft Jäger, die sich aus dem Transistorradio mit Christina Aguilera beschallen lassen.

In einem viel-beachteten Aufsatz für das Magazin „Nature“ bringt Huron die Konsequenzen dieser Entwicklung zum Ausdruck:

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ZITATOR 

 Wir haben vielleicht nur noch etwa zehn Jahre Zeit, bevor jeder Mensch auf dieser Welt mit westlicher Musik und ihren Ablegern aufgewachsen ist.

(We have just a decade or so before everyone on the planet has been brought up with Western music or its derivatives.)

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O-TON DAVID HURON

All over the world, when you listen to pop music, from whether you are talking about Cameroon, or (polar?) or the Cook Islands, through all these places, it sounds like Western popmusic, in which the language is different, there may be some very idiomatic things about the instrumentation, some other things that are tinkering around the harmonies and so on. But it´s very, very westernized.

 Hören Sie sich doch mal die Popmusik der Welt an: egal ob sie aus Kamerun, von den Cook Inseln oder von sonst wo her kommt - sie klingt wie westliche Popmusik.

Die Sprache mag anders sein, die Instrumentierung mag abweichen, ein bißchen auch die Harmonien - aber es klingt alles doch sehr, sehr verwestlicht.

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 SPRECHER 1

Musik kann Grenzen überschreiten. Sie wird auch weit entfernt von ihrem Ursprungsort „verstanden“. Nicht nur Popmusik, sondern auch andere Formen westlicher Musik, auch die sogenannte Klassische Musik.

Denken wir nur an die erfolgreichen Tourneen europäischer und amerikanischer Sinfonieorchester durch Südkorea und Japan, denken wir insbesondere auch an den großen Strom von Musikstudenten aus Ostasien, die an deutschen Hochschulen die Abendländische Musik studieren. Und vergessen wir nicht die, die es als ausübende Künstler zu Kultstatus gebracht haben - z.B. der chinesische Pianist Lang Lang.

 SPRECHER 2

Dieser Welterfolg der Klassischen Musik hätte einen ihrer Schöpfer vermutlich gar nicht so sehr überrascht. Joseph Haydn zeigte sich schon1790 überzeugt:

 ZITATOR

Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.

 SPRECHER 2

Wobei Haydn selbstverständlich nicht an seine Muttersprache dachte, sondern an seine Musik.

 II.

SPRECHER 1

Wie ist diese große Durchsetzungskraft westlicher Musik-Modelle zu erklären?

Sind sie anderen Musikkulturen der Welt überlegen?

 

SPRECHER 2

Natürlich mögen bei dieser Frage als erste mögliche Antwort die krass unterschiedlichen Besitzverhältnisse einfallen: ein Land wie die USA kann schon allein auf Grund seiner Kapitalkraft seine Musik besser exportieren als - sagen wir - Neu-Guinea.

 

SPRECHER 1

Kapitalismus und Neo-Kolonialismus als mögliche Ursachen fallen auch David Huron ein. Aber er gibt sich damit als Antwort nicht zufrieden. Und selbst wenn er die Frage nicht abschließend beantworten kann, so ist doch sein Verweis auf ein anderes Kulturgut sehr erhellend.

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O-TON DAVID HURON

david huronChinese cusine, Chinese food has made inroads all over the world - and not because of hegemony. It wasn´t because China somehow dominated Canada, that there are Chinese restaurants all over Canada. Is there something about Chinese food that´s just delicious? And that no matter what culture you come from, the first time you taste Chinese food, you´d think „Oh, that marvelous food!“ Now on the other hand Chinese Traditional Music doesn´t have quite the same appeal.
So there is a contrast here between Western music and Western cusine. so you will of course you will find MacDonalds and so on in China. But only in about the last 50 years. Traditional Western cusine, the sort of meat and potatoes the things you would have eaten in Britain or in Germany or in America - that made almost no inroads anywhere in the world. But Western music did.
So you have to ask: what is it about music that´s different than cusine in China? Why was it that Western music - both Western classical music and Western popular music - became so popular in many parts of the world, where people heard this music and said: „Wow, I like that!“ and started to listen to it. Whereas Western food made no such inroads.
And you contrast that with Chinese food, that Chinese food made inroads all over the world, but Chinese music did not.
And this starts to suggest that the notion of hegemony is not the whole story. That there must be something inherent about Chinese cusine that is in some sense superior to Western cusine because people all over the world can try to say: „I like that.“ And that there´s something about Western music that may indeed be more immediately apealing - I am not saying better. But more immediately appealing among the ears of the world, that people would have heard BEETHOVEN and so on and said: „Wow, that´s really interesting. That really works for me.“, especially after an amount of exposure to that.
So, I am sympathetic to „yes, there are the forces of capitalism and neo Colonialism throughout there that have an impact. But it´s not a monolythic impact. It doesn´t dictate everybody all over the world that they have to be Westerners in every way.
So, I think there may indeed be something about Western music - like many Asiatic cusines - that are quite appealing.

Die Chinesische Küche hat sich auf der ganzen Welt durchgesetzt. Und keineswegs mit Gewalt. China hat z.B. nicht Kanada dominiert, so dass sich aus diesen Grunde China-Restaurants in ganz Kanada befinden. Könnte es nicht an der chinesischen Küche selbst liegen? Dass man, egal aus welcher Kultur man kommt, beim ersten Kontakt mit chinesischem Essen zu dem Eindruck gelangt: „Das schmeckt aber wirklich gut!“
Die traditionelle chinesische Musik auf der anderen Seite erfreut sich keineswegs eines solchen Zuspruches.

Was westliche Musik und die westliche Küche betrifft, müssen wir auch einen großen Unterschied feststellen. Natürlich findet man MacDonalds & Co auch in China, aber bestenfalls in den letzten 50 Jahren. Die traditionelle Küche des Westens - mit ihren Fleisch- und Kartoffelgerichten, wie man sie in England, Deutschland und Amerika gegessen hat - sie hat sich nirgendwo auf der Welt durchgesetzt. Westliche Musik aber sehr wohl!

Also müssen wir uns wohl fragen: was macht den Erfolg der einen und der Mißerfolg der anderen in China aus? Und weiter noch: was macht den Erfolg der westlichen Musik - und zwar sowohl der westlichen Klassischen Musik als auch westlichen Popmusik - in vielen Teilen der Welt aus, sodass viele Leute sagen: „Die gefällt mir!“? Ein Erfolg, der der westlichen Küche versagt blieb?

Und wenn man das mit der chinesischen Küche vergleicht, die sich - im Gegensatz zur chinesischen Musik - überall durchgesetzt hat?

Der Gedanke an eine „Hegemonie“ kann einfach nicht die ganze Geschichte erklären. Irgendetwas muss an der chinesischen Küche dran sein, das sie der westlichen Küche in gewissem Sinne überlegen macht, so dass Menschen in der ganzen Welt sagen: „Das schmeckt mir!“ So wie irgendetwas an der westlichen Musik dran sein muß, was sie unmittelbar zugänglich macht - und ich sage nicht, dass es sie bessser macht. Dass die, die Beethoven hören, sagen: „Das ist interessant. Damit kann ich etwas anfangen.“ Vor allem, wenn sie die Musik öfter gehört haben.

Dass dabei auch die Kräfte des Kapitalismus und des Neo-Kolonialismus am Werke sind - okay, das möchte ich nicht von der Hand weisen. Aber so einen monolitischen Einfluss können sie gar nicht haben, sie können nicht jedem eine Verwestlichung diktieren.

Westliche Musik - wie auch viele asiatische Küchen - haben also etwas, das sie ansprechend macht.

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 III.

 SPRECHER 1

Der große Erfolg westlicher Musikmodelle auf der ganzen Welt und ihre Verstärkung sozusagen als Re-Import durch die sogenannte World Music - werden sie vielleicht dadurch erleichtert, dass es unter den Musikkulturen der Welt so etwas wie einen gemeinsamen Nenner gibt? Elemente, die man in allen Musikkulturen gleichermaßen findet?

 SPRECHER 2

Es ist ein alter Traum der Menschheit, dass uns die Musik irgendwie vereinen möge, wo uns doch die Sprachen trennen. Dass wir mittels Musik etwas voneinander verstehen, das sonst nur durch das zeitaufwändige Erlernen fremder Sprachen möglich wäre. Nicht wenige sind ohnehin der Auffassung, dass Musik einen viel unvermittelteren Zugang zu anderen Kulturen ermöglicht als Sprache.

 SPRECHER 1

Gibt es also also so etwas wie musikalische Universalien?

 SPRECHER 2

Bevor wir uns einer Antwort direkt zuwenden, skizzieren wir noch einmal die Ausgangslage, die Bedingungen, wie sie für alle Kulturen gleich sind.

David Huron, von der Ohio State University.

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 O-TON DAVID HURON

Why is there so much different music in the world? Because music is not just one thing. And music is dependent on culture. And we get to make it. We get to make the music, but not however we want. There are constraints about music, but otherwise we get to make it.
There are certain biological building blocks, they are sort of like the bricks. And so you are going to make your structure out of brick. But many different cultures can make many different things out of bricks. We don´t all have to make the same (edifice) from the same building materials.
What evolutionary biology would provide are the building blocks, the material resources. But other than that, culture is given free reign to build whatever it is that we want.

Warum gibt es so viel unterschiedliche Musik in der Welt? Nun, Musik ist nicht ein und dasselbe. Musik ist abhängig von Kultur. Es liegt an uns, sie zu gestalten. Das können wir - aber nicht nach Gutdünken. Musik unterliegt gewissen Grenzen, aber innerhalb derer sind wir frei. Es gibt bestimmte biologische Baumaterialien, man kann sie als Bausteine betrachten. Mit diesen Steinen können wir Strukturen entwickeln. Viele Kulturen können damit sehr Unterschiedliches herstellen. Wir müssen mit denselben Materalien aber nicht zwangsläufig zu denselben Ergebnissen kommen.

Die Evolution stellt lediglich das Ausgangsmaterial zur Verfügung; abgesehen davon hat jede Kultur freie Hand.

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 SPRECHER 2

Jede Kultur hat freie Hand bei der Ausgestaltung ihrer Musik...

Aber wie und zu welchem Zweck Musik gemacht wird, das ist unter den Kulturen extrem unterschiedlich.

Zwar ist keine Kultur ohne Musik bekannt - aber gleichwohl existieren Kulturen, die überhaupt kein Wort für „Musik“ kennen.

Francois-Bernhard Mâche, 1935 geborener französischer Komponist und Schüler von Olivier Messaien.

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ZITATOR

Die Idee von Musik als einem zweckfreien ästhetischen Vergnügen deckt nur einen sehr kleinen Teil des musikalischen Verhaltens unter Menschen ab. Diese Idee hat gerade mal vor ein oder zwei Jahrhunderten in Europa Bedeutung gewonnen. Viele Musiktraditionen aber haben überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Konzert ist. Es ist ziemlich naiv, unter Musik nur zu verstehen, dass eine junge Dame ein Stück auf dem Piano spielt und ihre Familie zuhört. Viele Kulturen kennen Musik nur im Rahmen von Ritualen.

(The idea of a gratuitous aesthetic pleasure is but a very small part of musical behavior in humans. It took on a special importance only one or two centuries ago, in European civilization. Many musical traditions have no idea of what a concert is. It is quite a naive idea to consider music only as the thing a young lady does when performing a piece on her piano, with friends and family attending. Many cultures make music only in ritual contexts.)

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 IV.

SPRECHER 1

Gibt es Universalien? Musikalische Elemente, seien sie vielleicht tonlicher Art oder expressiver Art, die in allen Kulturen der Welt vorkommen, und die uns von daher vielleicht ein Verständnis des Anderen ermöglichen?

 SPRECHER 2

Die Frage ist in der Musikwissenschaft umstritten, sie wird in letzter Zeit eigentlich eher negativ beanwortet. Am radikalsten 1971 von dem vor wenigen Jahren im Alter von 97 Jahren verstorbenen amerikanischen Musik-Ethnologen George List.

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ZITATOR

Der einzige universelle Aspekt an Musik scheint zu sein, dass die meisten Leute sie machen (...) Ich könnte seitenweise Beispiele für die Nicht-Universalität von Musik liefern (...) Und jeder Musik-Ethnologe könnte das ebenso - weil wir sehr wahrscheinlich nie diese Universalien finden werden.

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 SPRECHER 1

Wie ist das möglich? Dass zwar alle Kulturen Musik machen: jede auf ihre eigene Weise, wodurch ein immens unterschiedliches Panorama sich entfaltet - dass aber kein Element darin enthalten sein soll, und sei es auch noch so klein, das in allen sich wiederfindet?

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O-TON THOMAS FRITZ

Man muss ein bißchen differenzieren: Universalien zu finden, das bedeutet nicht, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den Musikkulturen der Welt zu finden. Das ist ein völliges Mißverständnis. Denn wenn man den gemeinsamen Nenner finden wollte bezüglich der Musikkultur, dann bleibt möglicherweise gar nichts übrig.

Außer, dass es ich um einen zeitlichen Prozess handelt. Aber trotzdem gibt es m.E. so etwas wie Universalien, aber diese Universalien müssen m.E. nicht in jeder Kultur entwickelt sein. Ich habe da mal einen kleinen Artikel zu geschrieben, das nenne ich „anchor model of musical culture“. Und das besagt, dass es also durchaus so einen, sagen wir mal, universellen Kern gibt, worauf verschiedene Kulturen sich darauf andocken können, also deswegen „anchor“ von Anker. Aber, die können sich an ganz unterschiedlichen Stellen verankern. Und wenn man da nach einem gemeinsamen Nenner beider Kulturen sucht, dann findet man eben ... nichts.

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SPRECHER 2

Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neuro-Wissenschaften in Leipzig.

SPRECHER 2

Auch der Musikbiologe Björn Merker aus Schweden hält nichts davon, nach gemeinsamen Elementen in den Musikkulturen der Welt zu suchen - was nicht bedeutet, dass es nicht formale Verbindungen gäbe.

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O-TON BJÖRN MERKER

Es gibt aber statistische Universalien. Die meisten Völker haben eine Auswahl an Tönen, mit denen man laboriert. Was wir in der Sprache nicht haben, aber was die Musik als universell hat, ist: in der Musik kann man also falsch singen. Was bedeutet das? Das bedeutet, nicht den richtigen Ton zu finden. Ich weiß keine Kultur, wo man nicht darauf besteht, dass Falschsingen soll man nicht. Im Tonbereich ist ja ein Kontinuum. Aber in der Musik diskretisiert man dieses Kontinuum, „Diese Noten wollen wir verwenden, die anderen verwenden wir nicht. Ja, wir können ein bißchen quetschen, hier oder dort, „to bend a note“ sagt man auf Englisch. Das macht man ja. Aber man hat diese diskreten Stationen, vielleicht 4 oder 5, oder 7 wie wir, und dann Halbtöne dazwischen - und die werden verwendet.

Wenn man die nicht findet, da singt man nicht richtig. Niemand insistiert, dass wir eine bestimmte Tonhöhe haben im Sprechen. Und auch die Tonsprachen, wo Tonhöhe etwas bedeutet, ist es nicht eine diskrete Tonleiter, sondern es muß hinaufgehen oder hinunter, also es ist relativ, nicht fixe Punkte, wie man z.B. eine Gitarre stimmt, es müssen diese Töne sein. Das, würde ich sagen, ist eine Universalie.

Ich glaube nicht, dass es sehr interessante absolute Universalien gibt. Doch gibt es interessante statistische, z.B. in der Rhythmik gibt es viele grundlegende Muster, die immer wieder, immer wieder auftreten, weil rhythmisch klingen sie sehr gut.

(hämmert Beat)

Findet man fast überall in der Welt in irgendeiner Form, in Arabien, in Indien, da gibt es Kinderlieder, die gehen zu dem Rhythmus, in Afrika haben wir es auch.

Die Isochronie, wo man einen tactus einhält, the beat, the pulse, alle rhythmische Musik hat das als Grundbasis, die Isochronie (schlägt Metrum), und da ist es sehr gut, da mitzumachen. Wenn man so einen festen tactus hält, dann machen wir ganz eifrig mit.

Und wir können dazu marschieren oder tanzen oder mit dem Kopf nicken. Es greift das leicht, einen konstanten Rhythmus.

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SPRECHER 2

 Aniruddh Patel vom Neurosciences Institute in San Diego hat eine sehr schöne Metapher für die Universalität von Musik. Sie führt weg von der Suche nach gemeinsamen Elementen unter den Musikkulturen.

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O-TON: ANIRUDDH PATEL

And actually, if you believe and I do, that music is universal, then actually most people agree, anthropolists agree about that and you don´t think it´s innate evolved trait, you have to have an explanation for why it is universal.

And my own explanation is, that it does things for humans that are universally valued: it touches on the emotions, it helps us structure rituals, it helps us remembering. Music and memory have a very tight relationship. All the acient ballads, before they were written down, were sung for example to help people remember them. And so I think in every culture it does certain things that humans find valuable everywhere. I compare it to fire. The control of fire and energy is universal in human culture but I don´t hink under what natural selection to be able to control fire. I think we invented that technology and it became so valuable to us that now it´s part of every human culture.

Wenn man, wie ich, annimmt, dass Musik universell verbreitet ist - die Anthropologen sind auch dieser Auffassung -, und wenn man davon ausgeht, dass es sich hier nicht um ein angeborenes Merkmal handelt, dann muss man schon eine Erklärung dafür finden, warum Musik universelll verbreitet ist.

Musik leistet etwas für den Menschen, das weltweit geschätzt wird: sie spricht die Emotionen an, sie hilft Rituale zu gestalten, sie hilft bei der Erinnerung. Musik und Erinnerung hängen sehr eng zusammen. Lieder, bevor sie später notiert werden konnten, wurden zunächst gesungen, damit man sie erinnert. Musik leistet für jede Kultur etwas, das überall Nutzen bringt. Ich vergleiche Musik mit Feuer. Feuer und Energie sind in allen menschlichen Kulturen vorhanden, können aber evolutionär nicht durch natürliche Selektion erklärt werden. Ich denke, wir haben diese Technologie erfunden, sie ist so nützlich, dass sie Teil einer jeden Kultur geworden ist.

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 V.

SPRECHER 1

Kehen wir zu der Ausgangsfrage zurück: Kann Musik Grenzen überschreiten?

 SPRECHER 2

Sie kann es, wie sich am Beispiel verschiedener Musikgattungen zeigt. Auch wenn diese nicht über gemeinsame Bestandteile verfügen. Es ist möglich - und in westlichen Ländern tägliche Praxis -, Musik aus einem fremden Kulturkreis zu hören - und zu mögen. Musik aus einem Kulturkreis, dessen Sprache man nicht spricht.

SPRECHER 1

Ob man freilich diese fremde Musik „versteht“, ob sie einem - bei den gleichen Tonfolgen - dasselbe „sagt“ wie den anderen; denen, die aus dem entsprechenden Kulturkreis stammen, das ist sehr zweifelhaft:

 ZITATOR:

Verstehen bedeutet immer, etwas als etwas erkennen im Zusammenhang einer Konvention. Konventionen sind jedoch kulturell determiniert. Daher ist Verstehen kulturgebunden.

 SPRECHER 1

Schreibt 1973 der österreichische Musikethnologe Gerhard Kubik.

SPRECHER 2

Und doch kommen neuere Studien zu dem Schluß, dass - jenseits eines wirklichen Verstehens - Aspekte des emotionalen Ausdrucks von Musik interkulturell erkannt werden können.

Eine solche Studie hat z.B. Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neuro-Wissenschaften in Leipzig 2009 veröffentlicht.

 SPRECHER 1

Thomas Fritz hat in abgelegenen Bergdörfern in Kamerun Mitglieder eines Stammes gefunden - der Mafa -, die die immer seltener werdende Bedingung erfüllen, von der David Huron eingangs sprach: sie hatten weder westliche Musik noch deren Instrumente gehört.

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O-TON: THOMAS FRITZ

Die Mafa haben in ihrer eigenen Musik so etwas wie emotionale Ausdrücke eigentlich gar nicht. Das spielt bei denen gar keine Rolle. Die sind zwar auch unwahrscheinlich emotional, wenn die Musik machen. Aber das liegt dann z.B. daran, dass die mit ihren Vorfahren Kontakt aufnehmen, das ist natürlich auch eine ganz schön aufregende Sache.

Aber, da jetzt verschiedene emotionale Ausdrücke zu vermitteln, das ist für die ein ganz fremdes Konzept. Die sagen schon alle: „das ist fröhlich“, aber das ist fröhlich, weil das ist immer eine ganz festliche Angelegenheit, wenn Musik gemacht wird.

Musik durchzieht schon die ganze Gesellschaft. Aber die Frage nach emotionalen Ausdrücken ist verwirrend für die, weil es so etwas ie einen Ausdruck von Traurigkeit oder dieses Ängstlich in Musik aus deren Sicht gar nicht gibt.

Auch haben die noch nie ein Musikinstrument wie Klavier gehört. Und trotzdem waren die dann über-zufällig in der Lage, diese Klavierstücke jetzt bestimmten emotionalen Gesichtsausdrücken zuzuordnen.

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 SPRECHER 2

Die Mafa - nicht alle, aber doch eine Mehrheit unter ihnen - waren in der Lage, aus der ihnen fremden Musik die emotionalen Ausdrücke „fröhlich“, „traurig“ und „ängstlich“ herauszuhören - ein typisch europäisches Konzept.

Die Mafa äußerten ihren Eindruck, indem sie auf Bilder zeigten, auf denen die entsprechenden Gesichtsausdrücke in Lebensgröße aufgedruckt waren.

Für manche zunächst eine ungewöhnliche Abstraktionsleistung. Thomas Fritz:

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O-TON: THOMAS FRITZ

Ich sag´s mal so: zwei der Leute, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, haben auf diesen Blättern, die ich ausgedruckt hatte, nur schwarz-weiße Muster erkannt und überhaupt gar keine Gesichter. Und einige der Leute, wenn nicht alle, die haben überhaupt das erste Mal so eine Art von zwei-dimensionaler Repräsentation von etwas Dreidimensionalem gesehen. Einige waren total überrascht und haben dann hinter das Blatt geguckt usw.

Aber, das Erstaunliche war dann eben, dass die diese Zuordnung richtig machen konnten.

Zwei der Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, die konnten das gar nicht kategorisieren. Und dann gab´s wieder welche, die waren bei 80 Prozent. Und dazwischen hat sich eben das ganze Spektrum aufgetan. Da gibt es ganz, ganz deutliche inter-individuelle Unterschiede.

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SPRECHER 1

Warum, so fragt Thomas Fritz in einem Aufsatz zu seiner Untersuchung, warum kennt die Musik der Mafa nicht auch emotionale Ausdrücke z.B. für Trauer oder Angst, wenn doch Mitglieder dieses Stammes just diese Qualitäten in westlicher Musik erkennen?

 ZITATOR

Als Antwort bietet sich an, dass das Erkennen des emotionalen Ausdrucks von Musik keine ausschließlich musikalische Fähigkeit ist, sondern eine Fähigkeit, die sich als Anpassung an eine andere Herausforderung entwickelt hat und dann für den Bereich der Musik übernommen wurde.

(The answer may be that the recognition of emotional expression from music is not exclusively a musical capability, but instead a capability that evolved as an adaption to a different challenge, and was then co-opted for music.)

 SPRECHER 2

In diesem Zusammenhang stellt Thomas Fritz sein „Ankermodell musikalischer Kulturen“ vor. Es geht davon aus, dass alle Musikkulturen sowohl musikalische Universalien als auch kulturelle Eigenheiten verfügen. Je mehr zwei Kulturen an kulturellem Einfluß teilen, desto mehr überschneiden sich auch ihre kulturellen Formen.

 ZITATOR

Trotz des weltweit verbreiteten Verständnisses eines teilweise gemeinsamen Codes, worin alle Musikkulturen „ankern“, verfügt keine Musikkultur allein über das ganze Arsenal universeller musikalische Muster. Das Modell zeigt darüberhinaus, dass das Repertoire zweier Musikkulturen zwar in einem Vorrat musikalischer Universalien verankert sein kann, sich aber gleichwohl keine Überschneidungen zeigen.

(Despite a universally shared understanding of a partly common code (musical universals) in which all music cultures „anchor“, no music culture has implemented the whole set of universal musical features in its musical repertoire. Furthermore, it shows how the musical repertoires of two cultures can be „anchored“ in the set of music universals but do not overlap.)

 SPRECHER 1

Thomas Fritz kommt abschließend zu einer Interpretation im Lichte der Evolution:

 ZITATOR

Die Ergebnisse zeigen, dass Musik als Mittel des emotionalen kommunikativen Ausdruckes - obwohl wahrscheinlich universell - kuturell entdeckt werden musste, und vermutlich aus einem allgemeineren kommunikativen Ausdruck abgeleitet worden ist. Emotionaler Ausdruck ist eindeutig keine Voraussetzung für Musik.

(The findings discussed thus demonstrate that music as a means of emotional communicative expression, although probably universal, had to be culturally discovered, and probably transferred from a more general-purpose means of communicative expression. Emotional expression is clearly not a prerequisite for music.)


 

Thomas Fritz: Interview am 12.05.2011, Frankfurt/M, Strüngmann-Forum
David Huron: Interview am 15.06.2011, Houston/Texas, Rice University
Björn Merker: Interview am 12.05.2011, Frankfurt/M, Strüngmann-Forum
Aniruddh Patel: Interview am 16.06.2011, Houston/Texas, Rice University

 

Literatur
Steven Brown, Joseph Jordania: Universals in the World´s Musics. In: Psychology of Music, 2011
Nicholas Cook: Western Music as World Music. In: Philip Bohlman (Hg): The Cambridge History of World Music (in Vorbereitung)
Thomas Fritz et al.: Universal Recognition of Three Basic Emotions in Music. In: Current Biology 19, 573-576, April 14, 2009
Thomas Fritz: The Anchor Model of Musical Culture. Vortrag auf 16th International Conference on Auditory Display, Washington, 9-15 Juni, 2010
David Huron: Vom Verlust der musikalischen Vielfalt. In: Bernius/Rüsenberg (Hg): Sinfonie des Lebens. Funkkolleg Musik. Mainz: Schott, 2011
Peter Schneider: Die Botschaft des Pferdekopfes. Darmstadt, Neuwied, 1981
Nils L. Wallin, Björn Merker, Steven Brown (Hg): The Origins of Music. Cambridge/MA, 2001

 


*Dieses Sendemanuskript ist in überarbeiteter Form erschienen in
Volker Bernius (Hg): Sinfonie des Lebens. Funkkolleg Musik. Die gesendeten Beiträge. 287 S, 15.99 €, Schott-Verlag, 2012
podcast
© Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten