Eindrücke von einer Musikkonferenz in Oxford
WDR 3, 19.01.2013

BOBBY WATSON Slippin´and Slidin´

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Guten Abend, meine Name ist Michael Rüsenberg.
Seien Sie herzlich willkommen bei WDR 3 Jazz: zum zweiten Teil einer Reportage über eine Musik-Konferenz in Oxford - Improvisation und Improvisieren.
Im Gegensatz zum ausgedruckten Programm dauert diese Sendung nicht 60, sondern 30 Minuten.

MODERATON
Improvisation und Improvisieren.
Vor vier Wochen habe ich an dieser Stelle Studien aus der Jazz-Improvisationsforschung vorgestellt, wie sie auf einer Konferenz an der Universität Oxford präsentiert wurden.
Ob es sich dabei jeweils um Improvisation oder um Improvisieren handelt - dieser Frage bin ich zunächst nicht nachgegangen.
Das will ich heute tun. Nach den Praktikern kommen heute die Theoretiker zu Wort: Philosophen und Psychologen - Leute also, die es gewohnt sind, mit genauen Begriffen zu arbeiten.
Dabei entstehen keineswegs Spitzfindigkeiten. Auf dem überbordenden Feld der Improvisation die Phänomene klar zu benennen, hilft durchaus auch beim Musikhören.

GEORGE LEWIS
Die erste Konferenz über Improvisation, die ich besucht habe, fand 1999 an meiner alten Institution statt, an der University of California in San Diego. Sie wurde organisiert von zwei graduierten Studenten, die eine davon, Dana Reason aus Kanada, ist auch heute noch als Pianistin aktiv, und Jason Roberts, ein Saxophonist, unterrichtet heute in Amherst.
Titel der Veranstaltung damals: „Improvising across Borders“ - Improvisieren über Grenzen hinwweg.
george_lewisEin paar Teilnehmer von damals sind jetzt auch hier in Oxford, wie z.B. Ingrid Monson oder Ajay Heble, der Leiter des Guelph-Festivals. Aber das meiste lag damals noch in der Zukunft.
Heute sind wir ein Haufen isolierter Leute, die erstaunt feststellen, dass sie alle zum Thema Improvisation forschen. Und noch dazu jeder auf seine eigene Weise.
„Wie, du studierst Improvisation?“ - „Du wirst lachen, ich auch!“
Alle dachten, sie wären die einzigen, und was wir machen, würde kein Schwein außer uns interessieren. Das ist übehaupt nicht mehr der Fall.
Das war 1999, heute, 2012, findet man Leute, wie heute Raymond MacDonald gesagt hat, die Improvisation aus allen möglichen Perspektiven betrachten und dabei vor allem das Wechselspiel mit Musik.
Musik wird auf diesem Feld immer Priorität haben, denn Musik ist der Ort, wo Improvisation zu einer Kunstform wird. Natürlich gibt es auch andere Kunstgattungen, in denen improvisiert wird, aber doch keine mit einer solchen Vorrangstellung. Musiker können viel zur Improvisationsforschung beitragen, aber sie sind nicht die einzigen.
Ich finde, Improvisation muss heutzutage gar nicht mal definiert werden - wir müssten einfach nur mehr Geschichten erzählen, und zwar aus so vielen Perspektiven, wie wir sie nur auftreiben können.

ANTHONY BRAXTON/GEORGE LEWIS WDR-Aufnahme Moers 07.06.1976

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Der da spricht, das ist ein guter alter Bekannter: hier hören wir ihn als Musiker: beim Moers Festival 1976, zusammen mit Anthony Braxton. Da war er 23. Heute ist er 60, hat seit Jahren eine Professur und leitet seit 2004 das „Center for Jazz Studies“ an der Columbia University, New York
City:
Der Posaunist George Lewis, einer der wenigen Intellektuellen unter den Jazzmusikern und in Oxford so etwas wie der „spiritus rector“ der Konferenz. In diesem Frühjahr wird er ein doppelbändiges Handbuch der kritischen Improvisationsstudien herausbringen.
Der Mann weiss, wovon er spricht.
Und er nickt heftig, als Georgina Born - wie er eine Instrumentalistin, die in den Professoren-Rang aufgestiegen ist - in Oxford das heftige Verdikt ausspricht: die ganze Debatte um Improvisation sei viel zu flach...

GEORGE LEWIS
Es gibt noch keinen Kanon im Bereich der Improvisationsforschung. Es gibt einige Schlüsselwerke. Ich denke dabei an die Arbeit von Irving Gofman. Georgina nannte Pierre Bourdieu, aber ich denke eher an Alfred Schütz oder Jeff Pressing oder Bruno Nettl, die frühen Wissenschaftler.
Heute gibt es Leute wie Raymond MacDonald, David Borgow oder Georgnia selbst. Wozu sie uns auffordert, ist, sehr genau hinzusehen, und zwar sowohl dorthin, wo wir gewesen sind als auch wohin wir hin wollen.
Ich denke, das war jetzt ein ganz guter Zeitpunkt für diese Art von Warnung.

PABLO HELD TRIO Birkenhain

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Was ist Improvisation? Wie kann man die ausufernde Debatte kanalisieren? Wie kann man begrifflich Ordnung schaffen unter den sehr unterschiedlichen Arten des Improvisierens?
Eine erste Handreichung kam dazu von einem der Organisatoren in Oxford, von dem britischen Musikpsychologen Eric Clarke.

ERIC CLARKE
eric-clarkeDer positive Aspekt daran, dass Improvisation inzwischen mehr Interesse findet und auch erforscht wird, das Positive daran ist, dass Improvisation deutlicher ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist.
Die Herausforderung, die sich zugleich damit verbindet, ist, unser Nachdenken über Improvisation viel mehr zu verfeinern.
Stellen wir uns zum Vergleich mal vor: das Studium von „Musik“ sei bis vor kurzem ignoriert worden. Und wir würden nun sagen, „schön, dass wir eine Konferenz über ´Musik´ hatten! Wir können nun weiterforschen an ´Musik´“.
Über kurz oder lang würden wir uns fragen: „Was meinen wir eigentlich mit ´Musik´? Es gibt doch so viele Arten von Musik, wir müssen doch Unterscheidungen treffen! Genaue Definitionen müssen her!“
Und ich meine: das ist genau ist die Lage der Improvisation. Die Definitionen greifen zu kurz, sie sind zu singulär, zu verdinglicht.
Wir müssen sehr viel mehr interne Unterscheidungen treffen.
Ich habe dazu auf der Konferenz vorgeschlagen: vielleicht ergäben sich ja Vorteile, wenn wir aufhörten von „Improvisation“ so zu sprechen, als handele es sich um ein und dieselbe Sache. Und stattdessen „Improvisieren“ verwenden, als Tätigkeit, als Prozess, der sich in vielen Formen in vielen musikalischen Genres abspielt.

MICHAEL SCHIEFEL Naxos

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Als vor ein paar Wochen Michael Schiefel als neuer „Improviser in Residence“ in Moers vorgestellt wiurde, da sagte er auf der Pressekonferenz:
„Improvisieren beschränkt sich nicht auf die Bühne, sondern ist ein Lebensstil“.
Schiefel geht also mit dem Begriff „Improvisieren“ viel weiter als der Professor aus Oxford.
Bevor sich nun Protest dagegen regt, schauen wir doch noch mal in eines der besten wissenschaftlichen Bücher zum Thema: „The Improvising Mind“ von Aaron Berkowitz.*
Und was wir da auf Seite 182 finden, das scheint die Vorstellung von Improvisation ins Uferlose zu dehnen:

ZITAT AARON BERKOWITZ*
Die Fähigkeit, kreative Lösungen bei neuen Aufgaben zu improvisieren,
ist ein absolut notwendiges Verhalten, wenn ein Organismus in einer Umgebung überleben soll, die ständig im Fluss ist.
Diese flexible Strategie ist nicht nur auf der Ebene des Verhaltens wichtig, sie scheint sogar hinab bis auf die Ebenen der Zellen und Moleküle zu funktionieren.
Improvisation ist nicht nur ein Zeichen evolutionärer Anpassung - die Evolution selbst kann man als improvisierend verstehen.

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Improvisation ist also nicht nur ein „Lebensstil“, wie der Sänger Michael Schiefel sagt, es ist viel mehr: es ist ein Prinzip des Lebens, ein Prinzip der Evolution.
Bevor uns jetzt ganz schwindlig wird, wollen wir auf dem Teppich bleiben, wir bleiben in Oxford und hören noch einmal den Musikpsychologen Eric Clarke:

ERIC CLARKE
Die Unterscheidung, die wie von einer der Konferenzteilnehmerinnen, von Lydia Goehr, gehört haben - die Unterscheidung zwischen „Improvisation Extempore“ und „Improvisation Impromptu“ -, sie ist recht gut.
Improvisation ist die anscheinend spontane Hervorbringung sowohl von Material als auch Verhalten. Und ich verwende hier bewusst das Wort „Verhalten“, denn Improvisation ist ebenso sehr Teil des täglichen Lebens wie sie Teil der Musik, der Malerei usw. ist.
Wir haben hier also die anscheinend spontane Hervorbringung von Material anscheinend aus dem Nichts heraus. Und es geht genau so darum, clevere, vielleicht neue, aber ganz sicher fantasievolle Lösungen zu finden - in Situationen, die man nicht vorhersehen konnte.

JACOB KARLZON 3 Fool´s Gold

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Und hier ist die Angesprochene. Die mit ihrer Unterscheidung in Oxford so einflussreich war: Lydia Goehr, Professorin für Philosophie aus New York City. Sie lehrt wie George Lewis an der Columbia University.

LYDIA GOEHR
Improvisation Extempore nenne ich das vertraute Konzept aus dem musikalischen Alltag, nämlich Musik aus dem Moment heraus zu machen. In dem Moment, wo man zu spielen beginnt, entwickelt man sie weiter.
Ich habe nun versucht, ein Konzept von Improvisation zu entwickeln, das sich deutlich von Extempore unterscheidet, ich nenne es Improvisation Impromptu.
Stellen wir uns vor: wir sind plötzlich konfrontiert mit einem Bruch, mit einem Problem, einem Notfall, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Wir müssen eine rasche Lösung improvisieren. Wir müssen sofort etwas tun und nicht von diesem Punkt aus etwas entfalten. Das ist konzeptionell schon etwas anderes.
Was ich damit sagen will: zwischen diesen beiden Konzepten - einmal Extempore und zum anderen Impromptu - befindet sich die große Grauzone des täglichen Lebens, wo beide Konzepte bisweilen sich auch vermischen. Oder, wo wir manchmal auch beide Konzepte anwenden, um einen Freiraum für neue Entwicklungen zu schaffen, beispielsweise bei beruflich bestimmten Leistungen.

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Die Unterscheidung von Lydia Goehr ist klar und deutlich: „Improvisation Extempore“, das ist die Improvisation in der Musik.
„Improvisation Impromptu“, der Begriff kommt aus dem Französischen: impromptu - „überraschend“, damit ist das Improvisieren im Alltag gemeint, bei einem Notfall, vielleicht im Krankenhaus.
Demnach könnte also auch eine Krankenschwester improvisieren?

LYDIA GOEHR
Sie meinen eine Krankenschwester in einem Krankenhaus? Die könnte aber auch männlich sein, nicht wahr, oder ein Arzt?
Ja, auf jeden Fall!
lydia-goehrDie können ja mit einem sehr ernsten Notfall konfrontiert werden und sofort eine Entscheidung treffen müssen.
Das ist im übrigen ein sehr vertrautes Phänomen. Wir haben zum Beispiel im Englischen die Redewendung: „Da hast du aber eine gute Lösung improvisiert! Das war in dem Moment genau das Richtige!“
Und das kann innerhalb der Musik geschehen oder auch außerhalb. Es ist ein sehr allgemeines Konzept.
In diesem ganzen Theoretisieren über Improvisation spielt es leider überhaupt keine Rolle. Die Leute konzentrieren sich immer nur auf Extempore und nicht auf diesen Gedanken. Insoweit habe ich diesem Konzept nur eine historische Substanz gegeben.

MODERATION
Wohlgemerkt, Lydia Goehr ist Philosophin. Sie arbeitet an Begriffen. Sie nimmt keine Bewertungen vor.

LYDIA GOEHR
Es kann einen positiven Wert haben, aber es liefert keine Garantie dafür, dass eine Sache auch wirklich klappt. Man mag etwas impromptu
oder extempore tun - und total auf die Nase fallen, es völlig falsch machen. Es mag sogar ein grauenhafter Aspekt Ihres Charakters dabei hervortreten. Mein Konzept beschreibt keinen bestimmten Inhalt.
Das ist ja das Problem mit Konzepten - dass sie so aussehen, als ob sie Ihnen eine Garantie bieten. Wenn z.B. George Bush verspricht, „Freiheit“ in ein fremdes Land zu bringen, das ist eine vollkommen leere Idee.
Aber allein, indem er es ausspricht, bekommt es eine ideologische Kraft. Und dagegen wende ich mich.
Ich bin eine Theoretikern, die Konzepte entwirft.

NORBERT STEIN PATA ON THE CADILLAC See you, Mara

MODERATION
Nachdem gerade schon der Name eines Politikers gefallen ist - denkt George Lewis, dass auch in der Politik improvisiert wird?

GEORGE LEWIS
Nun, manchmal schon. Sie sagen „improvisiere doch mal Außenpolitik.“
Musikfakultäten wollten früher nicht über Improvisation sprechen, sie sprachen dann von „improvisierter Außenpolitik.“
Das war als Schimpfwort gemeint. Oder „Improvisiere den Transport von Gefahrengut“.
Man gibt sich ja gern der Illusion hin, es bestünde Sicherheit, weil es einen Plan gibt, ein Ziel, alles sei in Ordnung. Die Ordnung behielte die Oberhand, wie Christopher Dell sagt.
Tatsächlich funktioniert die Ordnung aber nicht, Organisationstheoretiker wissen das als allererste. In der Organisationstheorie gibt es sogar so etwas wie das „Jazz-Paradigma“, um zu beschreiben, wie Organisationen funktionieren.
Deren „Jazz-Paradigma“ müsste meines Erachtens mal dringend aktualisiert werden, weil es zu sehr auf Vorstellungen aus dem Bebop der 50er Jahre beruht.
Das hat nichts zu tun mit - sagen wir - freier Improvisation in Europa oder der AACM, wo man eine Mischung aus komponierten und improvisierten Elementen bevorzugt. Es gibt also viele verschiedene Herangehensweisen. Wenn ich überhaupt die Arbeit der Regierung mit etwas vergleichen will, dann würde ich sagen: die Arbeit der Regierung ähnelt noch am ehesten der Arbeit der AACM.
Man hat einen Plan, und dann schaut man mal, was sich damit anfangen lässt... (lacht laut)
Ein Widerspruch in sich selbst, wenn man so will.

MODERATION
Das ist typisch George Lewis - eine Antwort in einer Mischung aus seriöser Beschreibung und Ironie.
Und ironisch war ganz sicher der Teil der Antwort über die AACM, jene Musikervereinigung in Chicago, in der George Lewis groß geworden ist und die auch heute noch besteht.
George Lewis hatte noch etwas anderes im Visier: eine bestimmte Mode vor 5 oder 10 Jahren, für das Management von Betrieben aus der Jazz-Improvisation zu lernen.
Auch Lydia Goehr hält offenkundig wenig davon.

LYDIA GOEHR
Die Idee von „Improvisation Extempore“ ist politisch überfrachtet und mit all diesen Friedens-Metaphern so überladen worden, dass sie nicht mehr viel aussagt.
Mir missfällt, dass sie immer nur mit einer bestimmten Musikpraxis in Verbindung gebracht wird. Da wird einem Haufen von Managern beigebracht, wie sie jazzy sein können oder swingend Entscheidungen treffen.
Warum können die sich nicht auch einen großen Pianisten anschauen, der ein klassisches Stück interpretiert? Warum können die nicht auch von mehr traditionellen Formen des Musikmachens lernen?
Ich gebe keiner bestimmten Art von Musik den Vorzug. Das schafft nur Verwirrung.
Jahrelang hiess es, klassische Musik macht einen guten Menschen aus uns. Jetzt heißt es: um ein guter Mensch zu werden, muss ich Jazz spielen.
Das eine ist so dumm wie das andere.
Und ganz nebenbei: das eine ist Deutsch, das andere amerikanisch...(lacht)

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Improvisation und Improvisieren - das war der zweite Teil einer Reportage von einer Musikkonferenz in Oxford.
Die Sendung wurde - einer aktuellen Programmänderung wegen - gekürzt.
WDR 3 wird das Thema deshalb noch einmal, voraussichtlich im Mai, aufgreifen.
die Redaktion der Sendung hatte Bernd Hoffmann, am Mikrofon verabschiedet sich Michael Rüsenberg.
Die Liste der gespielten Titel finden Sie wie immmer im Internet unter jazz.wdr.de

BOBBY WATSON In Case you missed it
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*AARON L. BERKOWITZ The Improvising Mind. Cognition and Creativity in the Musical Moment. Oxford University Press, 2010.