Anmerkungen zu Albert Mangelsdorff*

ALBERT MANGELSDORFF - CHRISTOF LAUER - NILS WOGRAM.
Über das Verhältnis der beiden Erstgenannten muss man in dieser Stadt kein Extrawort verlieren. Ich will mich auf einen Satz beschränken:
ihre gemeinsame Arbeit in einer Combo ist über Jahre gut dokumentiert, nicht zuletzt in Form des Konzertes in der Alten Oper, 1998.

Albert Mangelsdorf und Nils Wogram - das ist schon diffiziler.
Auch Anhänger von - sagen wir - Stefan Lottermann oder Peter Feil oder auch Nils Landgren werden mein Ranking nicht ganz falsch finden, wonach Nils Wogram Albert Mangelsdorff in der Position als führender Posaunist dieses Landes abgelöst hat:
der Titel amtierender Posaunen-Weltmeister implizierte ja, dass er auch hierzulande vorstand.
Wobei das Etikett selbst - das vermutlich auf Volker Kriegel zurückgeht und lange Zeit als halb-ironische Verbeugung verstanden wurde - inzwischen als geradezu hellsichtig gelten muss, mit einem downbeat auf dem Adjektiv.
Und da sind wir schon mitten in der Beschreibung des Wandels, 10 Jahre nach Albert´s Tod.
Die Amtsträger sind heute - noch - schwerer zu ermitteln, ihre Amtszeiten haben sich verkürzt - und zwar so, dass man nicht sicher sein kann, ob die Leistung, die zu dieser Auszeichnung führt, nicht just in diesem Moment irgendwo überboten wird.
Und das Beispiel Marius Neset (kein Posaunist, für die Genre-fremden Gäste unter uns) zeigt: das muss nicht immer in Amerika geschehen.
Ich höre das Rumoren in diversen Köpfen: dass der Albert ja nun nicht auf einen Instrumentaltechniker zu reduzieren gewesen sei, sondern auch Komponist, Bandleader etc. war - geschenkt. Wir kommen später noch darauf.

Was ich sagen will: eine aktuelle Zustandsbeschreibung des Jazz, der Versuch, seine Topographie irjenswie auch nur zu erahnen, ist heute schwieriger denn je - mit welchem Ergebnis, zeigt uns z.B. ein Blick in das Groß-Feuilleton, zumindest in Teile davon. Das sich ins Bockshorn jagen lässt von einem nicht mehr ganz so jungen Afro-Amerikaner, der bestimmte Teile des Jazzkataloges gut verdaut hat und keinen Ton spielt, der in der Jazzhistorie nicht schon aufgezeichnet worden wäre.

Nils Wogram. Wurde zwar mit dem Albert Mangelsdorff Preis ausgezeichnet, 2013; ich weiss nicht, ob die beiden sich je begegnet sind.
Wohl kann ich mich erinnern, dass Nils vor langer Zeit, in seinen Kölner Jahren, gesprächsweise Wert auf einen gewissen Abstand gelegt hat, vermutlich im Sinne von „Unabhängigkeit des Werdeganges“:
Das kann ich verstehen. Denn a) Nils Wogram war kein Schüler von Albert Mangelsdorff und b), zu dem Zeitpunkt, an den ich hier denke, galt immer noch das Diktum vom "amtierenden Posaunenweltmeister".
Ein junger Musiker, gerade von einem längeren Studienaufenthalt in New York zurückgekehrt, der in Köln sein Studium fortsetzt, möchte nicht, erst recht nicht fälschlich, im Rezeptionsschatten einer solchen Legende abgestellt werden.
Es hat aber - meines Wissens - drei virtuelle Treffen zwischen dem damals und dem heute führenden deutschen Jazz-Posaunisten gegeben - das jüngste, heute.
Das mittlere ergab sich vor einigen Jahren in Berlin, in einer Kino-Matinee, im Rahmen eines Musikfilmfestivals, Nils war eigens angereist, wir zeigten unsere Albert Mangelsdorff Rolle - eine 4 1/2 Stunden Dokumentation, aus dem Jahre 2000, die erste & einzige Jazzsendung innerhalb des „Rockpalast“.
Nils spielte zur Einstimmung der Kinobesucher und demonstrierte bereitwillig auch Albert´s Technik der Mehrstimmigkeit. Die ist heute unter Posaunisten weit verbreitet - ein weiterer Wandel.

Vom ältesten dieser virtuellen Treffen weiß Nils vermutlich nichts, es hätte ein reales werden sollen, irgendwann Anfang des neuen Jahrtausends: ein gemeinsames Konzert, in einer kleinen Stadt vor den Toren Kölns. Den Veranstalter habe ich einmal getroffen (er wollte mich als Moderator gewinnen) - und danach nichts mehr von ihm gehört (eine in unseren Kreisen alltägliche Erfahrung).

„Der weltberühmte Posaunist und der unbekannte Wal“ - so habe ich meine Anmerkungen überschrieben. Vollständig müsste der Satz lauten:
„Ein musikalisches Zwiegespräch zwischen dem weltberühmten Posaunisten und dem unbekannten Wal“.
Denn so wurde es angekündigt. Und so fand es statt: in einer der TV-Naturkunde-Sendungen, moderiert von Ernst Waldemar Bauer (der übrigens kürzlich im Alter von 89 Jahren verstorben ist).
Albert steht neben dem Schreibtisch des Moderators, man spielt ihm Wal-Klänge ein, er improvisiert dazu.
Albert hat etliche solcher „Zwiegespräche“ geführt: mit Elisabeth Trissenaar, mit Milan Sladek, mit Alois Kottmann...
Ich nenne hier bewusst und ausschließlich Künstler außerhalb des Jazz, ausserhalb unserer schönen kleinen Welt, denn Albert Mangelsdorff war, was unsere Archiv-Recherche Ende der 90er Jahre ergab, ein Jazzmusiker mit einem sehr, sehr großen Radius der Rezeption, ja ein Jazzmusiker mit ausgesprochenem „Mainstream-Appeal“. Und damit meine ich gewiss nicht Mainstream-Jazz, sondern Mainstream-Medien.
Dieser Appeal kann unmöglich vom Instrument kommen; in meiner ganz privaten Demoskopie schätze ich, dass 8 von 10 es nicht mögen, und 9 von 10 nicht wissen, wie es funktioniert.
Albert selbst musste noch mit 70 die Verwechslung der Posaune mit dem Altsaxophon erdulden (manche haben das als eine Verwechslung mit seinem Bruder wahrgenommen).
Dieser Appeal ist, so vermute ich, gleichsam ein Vor-Echo jener Eigenschaften, die ihm in unserer schönen kleinen Welt zugeschrieben wurden und die es geschafft haben, auch in der großen Welt wahrgenommen zu werden.

Man musste keinen Ton von Albert Mangelsdorff gehört haben, um zu wissen, dass da ein freundlicher Mensch auf einen zukommen wird; zwar spielt er ein unmögliches Instrument, aber er hat Manieren. Und er guckt nicht so böse.
Es dürfte schwerlich ein zweiter Jazzmusiker in Deutschland aufzutreiben sein, der so wenig kritisiert worden wäre wie Albert Mangelsdorff.
Vielleicht auch, weil so wenige sich das getraut haben. Ulrich Olshausen, der langjährige HR-Jazzredakteur - und einer der wenigen, die sich getraut haben - spricht in diesem Kontext von einem „gewissen Einsiedlerstolz“.
Und ebenso wenig fände sich ein weiterer deutscher Jazzmusiker, dessen Image so eng verwoben wäre aus ästhetischen und sozialen, um nicht zu sagen: aus ästhetischen und moralischen Zuschreibungen.
„Jazz-Heiliger“ (Michael Naura) und „Lichtgestalt“ (Dieter Glawischnig) sind lediglich die größten Kerzen an diesem Tannenbaum. Und die meisten haben jene gegossen, die unmittelbaren Umgang mit ihm hatten, seine Kollegen.
Ich möchte in diesem Zusammenhang Heinz Sauer zitieren, jenen langjährigen Partner und Antipoden; übrigens einer der wenigen, der dem Gedanken anhängt, Albert sei per Zufall zu dem geworden, worüber ich die ganze Zeit rede:
zu einem „Synonym für Jazz in Deutschland“.

Der Albert hat durch Schweigen geführt, Heinz Sauer - was für ein Satz.
Was für ein Assoziationsraum, den er öffnet.
Und ich gebe mich gerne dort hinein und male mir eine sprechende, ja eine gruppen-therapeutische Rolle aus, die der Albert ausgefüllt haben muss, als ich jüngst Hinweise, Andeutungen erhielt, wonach er die Beziehungen der Mitglieder des United Jazz + Rock Ensembles in einem sozial-ethischen
Sinne geordnet habe.
Wir kennen diese Versammlung ja mehr durch das - Entschuldigung - immerwährend aus-posaunte Etikett ihres Produzenten: als „die Band der Bandleader“.

Wie er ist, so hat er gespielt - noch so ein Satz von Heinz Sauer.
Er enthält die zentrale Legitimation einer jeden Jazzmusiker-Existenz, es ist der erste Glaubenssatz der Jazz-Religion:
„Spiel´ wie du bist, kehre dein Innerstes nach Aussen!“

Heinz Sauer „Wie er ist, so hat er gespielt“ - ein Satz wie ein Schluss-Akkord.
Mit ihm kann man fast ein jedes Jazz-Portät beschließen, fast ein jedes Jazz-Symposium, fast ein jedes Jazz-Buch. Er kommt immer gut an.
Ich könnte auch diesen Vortrag damit auslaufen lassen. Aber das will ich nicht.
Denn, stimmt er überhaupt?
„Wie er ist, so hat er gespielt“
Ist der Satz richtig?
Ich habe meine Zweifel. Vor allem, ich habe gar nicht das Instrumentarium, um ihn zu überprüfen.
Nun gut, ich könnte die Witwe, den Sohn, den Bruder befragen - aber dann hätte ich nicht mehr als deren Schlüssel für die Übersetzung einer sozialen Existenz ins Ästhetische. Das könnte mich beeinflussen.
Aber hören könnte ich AM´s Musik trotzdem ganz anders.

Ich habe eine Idee; ich reiche das Problem an die in diesem Lande jüngst aufblühende Philosophie des Jazz weiter. Als Forschungsauftrag:
Hat die Aussage über Albert Mangelsdorff eine allgemeine Gültigkeit: über den/über die Jazzmusiker, oder gilt sie nur für ihn allein? Und unter welchen Umständen?
Um die Dialektik dieser Frage auf Touren zu bringen, würde ich noch ein
Beispiel oben auf legen, von einem Musiker, der ganz gewiss nicht so war, wie er gespielt hat,  bzw. wie er gehört wurde, nämlich Stan Getz.
Über ihn wird gerne ein Satz von Wayne Shorter kolportiert:
„Wie kann ein solches Arschloch eine so schöne Musik spielen?“

Ein Satz des Schweizer Jazzmusikers Bruno Spoeri ist mir haften geblieben. Spoeri war vor 10 Jahren auf der Beerdigung von Albert und tat später im Gespräch seine Verwunderung kund: über die geringe Beteiligung der deutschen jazz community.
(Spoeri hat Albert zu seinem wohl seltsamsten „Zwiegespräch“ animiert: mit der Brief-Sortiermaschine im Postamt Konstanz, 1993).

Wann immer ich Spoeri sehe - jüngst, im Mai, in Schaffhausen, bei einem Konzert anlässlich seines 80. Geburtstages - scheint dieser Satz wieder auf: die Verwunderung eines Schweizers über die geringe Anteilnahme der deutschen Kollegen am Tod eines bedeutenden Deutschen.
Spoeri´s Beobachtung setzt bei mir eine Gedanken-Kette in Gang, von denen nicht alle Teile positiv geladen sind:
könnte das nicht alles auch eine Täuschung sein, eine Selbst-Täuschung?
Das 11. Jazzforum Darmstadt 2009 und der anschließende Band, der nach Albert benannte Preis, das Archiv der Stadt Frankfurt - alles begrüssenswerte, lobenswerte Aktivitäten, keine Frage.
Ich habe auch keinen Vorschlag zu ihrer Verbesserung vorzubringen.
Aber erzielen sie auch ihren Zweck: die Musik dieses großen Künstlers wachzuhalten, die Leute zum Hören zu bringen?
Wenn ich allein an die international erklingenden Klagen über das mangelnde Geschichtsverständnis der heutigen Jazzstudenten denke, habe ich meine Zweifel.

Ich möchte schließen mit dem Titel eines Stückes von Miles Davis, 1974 gemünzt auf Duke Ellington. „He loved him madly“.
Dieter Glawischnig hat ihn 1998 in dem berühmten Konzert in der Alten Oper abgewandelt zu: „Lieber Albert, we all love you madly“.
Damit schließt das Konzert und später auch die „Albert-Mangelsdorff-Rolle“.
Und ich bin sicher: der Satz hatte damals seine Gültigkeit.
Ich möchte den Satz erneut überschreiben mit ... mit einem Wunsch, mit der Hoffnung, dass auch er gültig sein möge, dass er lange gültig sein möge:
Lieber Albert, we all miss you madly!


*Vortrag am 05.09.2015 im Institut für Stadtgeschichte, Ffm
anlässlich des 10. Todestages von Albert Mangelsdorff
Musik: Christof Lauer und Nils Wogram

©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten.