Von Keith Jarrett bis Angela Merkel
3. Alltag/Fußball
SWR 2, 13.04.2017

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…mit Michael Rüsenberg.
„Improvisation, eine Qualität des Lebens; von Keith Jarrett bis Angela
Merkel“.
Heute, in der dritten Folge der Reihe, wird uns Jazz als Musikfarbe
begleiten. Auf der Suche nach anderen Formen der Improvisation werden wir uns aber auch vom Jazz entfernen: in den Alltag, zum Fußball.
Und wenn es ein Resümee dieser Folge gibt, dann lautet es:
jeder Mensch ist ein Improvisator.

DUKE ELLINGTON Take the A-Train 5:05
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Wo geschieht Improvisation?
Die meisten Menschen werden dabei an Jazz denken.
Und viele im Jazz halten Improvisation für das charakterisierende Merkmal ihrer Musikgattung. Mehr noch:



Zitat BJÖRN HEILE
(Nur) der Jazz hat Improvisation in den Rang einer Ideologie erhoben.

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Schreibt Björn Heile, Musikwissenschaftler aus Glasgow.
Er hat die Europa-Tourneen von Duke Ellington 1969 und 1971 untersucht und stellt fest, dass das Trompetensolo von Cootie Williams bei „Take the A-Train“ - wir haben soeben die Fassung aus dem Kölner Opernhaus 1969 gehört - in nichts improvisiert ist; der Trompeter spielt demnach nur in Nuancen abweichend das Solo, das sein Vorgänger Ray Nance schon 30 Jahre zuvor etabliert und gleichfalls immer wiederholt hat.
Was soll uns das sagen?
Es gab und gibt im Jazz durchinszenierte Performances, sowie umgekehrt die Improvisation kein exklusives Kennzeichen des Jazz ist. In der Weltgeschichte der Musik stellt sie in vielen Gattungen den Normalfall dar.
Improvisiert wird aber auch im Theater, beim Film, in der Literatur…
die Formen mögen voneinander abweichen, was sie eint ist das große Vorzeichen Kunst.
Unter Künstlern wird Improvisation zumeist erwartet. Da kommt sie nicht überraschend.
Die Musikphilosophin Lydia Goehr aus New York fasst sie alle diese Formen unter einem Begriff zusammen: „improvisation extempore“,
kurzum: verabredete Improvisation.
Sie beschreibt aber auch ein ganz anderes Feld der Improvisation:

LYDIA GOEHR
lydia goehrIch habe nun versucht, ein Konzept von Improvisation zu entwickeln, das sich deutlich von Extempore unterscheidet, ich nenne es Improvisation Impromptu.
Stellen wir uns vor: wir sind plötzlich konfrontiert mit einem Bruch, mit einem Problem, einem Notfall, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Wir müssen eine rasche Lösung improvisieren. Wir müssen sofort etwas tun und nicht von diesem Punkt aus etwas entfalten. Das ist konzeptionell schon etwas anderes.
Was ich damit sagen will: zwischen diesen beiden Konzepten - einmal Extempore und zum anderen Impromptu - befindet sich die große Grauzone des täglichen Lebens, wo beide Konzepte bisweilen sich auch vermischen.

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Improvisation als Ausweg aus einem Notfall - kann man da an eine Krankenschwester denken?

LYDIA GOEHR
Sie meinen eine Krankenschwester in einem Krankenhaus?
Die könnte aber auch männlich sein, nicht wahr, oder ein Arzt?
Ja, auf jeden Fall!
Die können ja mit einem sehr ernsten Notfall konfrontiert werden und sofort eine Entscheidung treffen müssen.
Das ist im übrigen ein sehr vertrautes Phänomen. Wir haben zum Beispiel im Englischen die Redewendung: „Da hast du aber eine gute Lösung improvisiert! Das war in dem Moment genau das Richtige!“
Und das kann innerhalb der Musik geschehen oder auch außerhalb. Es ist ein sehr allgemeines Konzept.

TONY WILLIAMS Emergency, 2:38)
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„Emergency“ - der Notfall.
Wenn man im Jazz dieses Thema akustisch illustrieren möchte, ist das gleichnamige Album von Tony Williams von 1969 immer noch erste Wahl.

ATMO Martinshorn etc.

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In einem Notfall per Improvisation eine Lösung finden.
Kann er damit etwas anfangen? Ich frage den obersten Notarzt in Köln:
Prof. Alexander Lechleuthner von der Berufsfeuerwehr.

ALEXANDER LECHLEUTHNER

Genau. Das könnte ich sehr gut unterschreiben. Wobei ich denke, dass hier so ein gewisser Überraschungseffekt mitkommt. Es kommt nicht jeden Tag vor sozusagen - aber beim Einsatz es ist immer so. Insofern ist es das tägliche Brot sozusagen.

ATMO Martinshorn etc.

ALEXANDER LECHLEUTHNER
Wenn man als Notarzt arbeitet, oder im Rettungsdienst ganz allgemein, dann braucht man eine sehr konkrete Vorstellung, was alles passieren kann, wie man bestimmte Erkrankungen oder Verletzungen vom Grundsatz her behandelt. Und wenn man diese Basis an Erfahrungswissen hat, dann ist man auch in der Lage, in unterschiedlichen Situationen angepasst auf die jeweilige Situation das zur Anwendung zu bringen.
Für mich ist das sozusagen immer ein Stand- und ein Spielbein. D.h. ich brauche feste Strukturen auf der einen Seite, in Standards, und auf der anderen Seite die Möglichkeit zu variieren, zu improvisieren, um mich auf die jeweilige Umgebung, die Situation einstellen zu können.

DOMINIC MILLER Chaos Theory 3:53
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„Chaos Theory“, aus dem neuen Album des Gitarristen Dominic Miller, „Silent Light“.
Und genau das ist wohl für viele die Beschäftigung mit Improvisation:
eine Chaos-Theorie.

Erik Simpson, ein Professor am Grinnell College, dem alten College von
Herbie Hancock, dürfte ihnen aus der Seele sprechen. Aber, sie sollten sich nicht zu früh freuen, denn Simpsons Satz ist nur an der Oberfläche ein Scherz:

Zitat ERIK SIMPSON
Man kann alles ´improvisieren´: von einem Trompetensolo bis zu einem Salat-Dressing.

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Erik Simpson äußert diesen Satz in der quasi neuen „Bibel“ der Improvisationsforschung, dem Oxford Handbook of Critical Improvisation Studies.
Und Robert Zatorre, ein bekannter Hirnforscher aus Montreal, hat ein ebenso vergüngliches wie treffendes Beispiel dazu.

ROBERT ZATORRE
zatorre
Das Abendessen wird von mir fast jedes Mal improvisiert.
Ich sehe nach, was sich im Kühlschrank befindet:
Ja, da sehe ich Zwiebeln, Pfeffer, ein bisschen Schinken ist auch noch da - und, eine Packung Pasta!
Ok - (lacht) - das ist Improvisation!



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Mit anderen Worten: willkommen im Alltag!
Das ist der Ort, wo die meiste Improvisation stattfindet. Improvisation,
verstanden als ein Handeln, das Unvorhersehbarem begegnet und in seinem Verlauf selbst unvorhersehbar ist.
Von einem langjährigen Moskau-Hörfunkkorrespondenten höre ich: auf diesem Sektor seien die Russen sehr erfahren.
Das bestätigt Jörg Baberowski, Osteuropa-Historiker an der Humboldt-Universität, und insofern ein ausgesprochener Russland-Kenner.

JÖRG BABEROWSKI
Baberowski buchladen 1Die Russen sind die  Weltmeister im Improvisieren.
Ich war 2011 in Japan, als der Tsunami ausbrach. Und da konnte man sehen, wie schrecklich das ist, wenn es nur Strategen gibt, aber keine Menschen, die auch improvisieren können. Alles lief nach einem Konzept ab, aber dieses Konzept passte auf diese Katastrophe gar nicht.
Während Russen Menschen sind, die überhaupt nicht daran glauben, dass die Welt morgen noch so sein könnte, wie sie heute ist.
Und weil sie ohnehin nicht daran glauben, reagieren sie extrem flexibel und meistens punktgenau auf die Situation.
Das ist immer unglaublich beeindruckend, dass Russen mit Krisen wirklich sehr flexibel umgehen können.
Und das können auch die Politiker gut in Russland - Putin ist ein Meister der Improvisation.

DAERR/SIEVERTS/JÜTTE Moskau 3:18
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„Moskau“, das ist - dem Titel zum Trotz - ein deutscher Standard, ursprünglich ein Stück aus der Hitfabrik von Ralph Siegel, jazzmässig eingerichtet von einem Trio um den Pianisten Carsten Daerr.
SWR2 Now Jazz, mit der dritten Folge der Reihe:
„Improvisation, eine Qualität des Lebens; von Keith Jarrett bis Angela
Merkel“.
Improvisation im Alltag; nach den praktischen bis anekdotischen Beispielen gehen wir jetzt in eine höhere Ebene.
Wir gehen zu Ronald Kurt; er unterrichtet Soziologie an der Evangelischen Hochschule Bochum und hat 2008 einen Band mit-herausgegeben: „Menschliches Handeln als Improvisation“.


RONALD KURT
Ronald Kurt klein 1Die Handlungstheorie, die es in den Sozialwissenschaften gibt - es gibt mehrere -, die gehen von dem rationalen Menschen aus, der sich ein Ziel setzt und möglichst rational dieses Ziel zu erreichen versucht. Und damit ist man in der Soziologie eigentlich handlungs-
theoretisch schon fast fertig.
Es gibt noch Normen und Werte und situative Rahmenbedingungen usw.
Aber im Grunde wird der Mensch als ein Plan erfüllendes Wesen betrachtet.

Und wenn man sich dann im Alltag selbst beobachtet, dann merkt man, dass das nicht der Fall ist. Und da kommen dann die Aspekte der Improvisation zum Tragen, weil wir z.B. ständig unsere Pläne ändern, dass wir uns selbst überraschen, vergessen, was wir eigentlich tun wollten und es trotzdem tun und auf Situatives einfach auch reagieren müssen - sonst wären wir gar nicht überlebensfähig.

Wenn wir die wären, für die uns die Theorie hält - wären wir schon längst nicht mehr am Leben.

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Ist dem nach auch unser Gespräch - improvisiert?

RONALD KURT
Natürlich, jedes Gespräch ist improvisiert. Wir wussten ja beide nicht, was wir vorher sagen werden. Allerdings ist es auch keine Schöpfung aus dem Nichts; sondern wir sind ja beide sehr gut vorbereitet mit dem, was wir so drauf haben für so eine Situation. Aber wie sich das dann entwickelt, das kann man nicht vorhersehen- die Angst ist natürlich da, in jeder Situation, dass man versagt oder Fehler macht. Aber wenn man mehr Mut hat als Angst, dann kann man vielleicht schaffen, aus der Situation heraus etwas zu schaffen, was vielleicht neu ist oder eine neue Variante von dem, was man vorher auch schon einmal gesagt hat.

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„Jeder Mensch ist ein Künstler“, hat einst Joseph Beuys proklamiert. Ein Satz, der mehr Fragen als Antworten aufwirft.
Demgegenüber ist die folgende Einsicht viel einleuchtender:
jeder Mensch ist ein Improvisator.
Und bewährt sich - oder bewährt sich nicht - in dieser Rolle im Gespräch.

JOSHUA REDMAN Free Speech, Phase II - Discussion, 3:00
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Es gibt kaum ein anderes Jazzstück, das - vom Titel her - so in diese Sendung passt wie dieses von Joshua Redman aus dem Jahre 2000:
„Free Speech, Phase II - Discussion - freies Reden, Phase zwei, Diskussion.
Den Soziologen Ronald Kurth frage ich, ob und wie er vor Studenten improvisiert:

RONALD KURT
Da möchte ich an einen kleinen Aufsatz von Kleist erinnern, über die „Verfertigung des Gedankens beim Reden“.
Wenn ich mir die Studierenden anschaue: die gucken mich erwartungsvoll und mit Vertrauen und Zuversicht an. Dann entwickle ich auch die Zuversicht, dass ich mich im Reden frei laufen lasse, um dann aus der Situation heraus eine Formulierung oder einen Gedanken zu finden, von dem ich noch nicht wusste, dass ich ihn gleich finden werde, als ich anfing zu sprechen.
Bei Kleist heißt das dann: wenn man im Blick des Anderen etwas sieht, dass es einen über die Klippe tragen kann, also des Abgrunds der Ungewißheit, was ich bald sagen werde, dann entsteht in mir die Zuversicht, dass ich diesen Schritt wagen kann. Und dann entsteht beim Gehen der Weg, der mich dann irgendwo hinführt.

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Heinrich von Kleist schrieb seinen berühmten Aufsatz in den Jahren 1805/06. Aus jener Zeit stammt auch die folgende Theater-Anekdote von ihm. Sie handelt vom Überwinden eines Improvisationsverbotes durch … Improvisation. Gelesen von Michael Müller.

Zitat HEINRICH VON KLEIST
kleist
Herr Unzelmann, der, seit einiger Zeit, in Königsberg Gastrollen gibt, soll zwar, welches das Entscheidende ist, dem Publiko daselbst sehr gefallen: mit den Kritikern aber (wie man aus der Königsberger Zeitung ersieht) und mit der Direktion viel zu schaffen haben.
Man erzählt, dass ihm die Direktion verboten, zu improvisieren.
Herr Unzelmann, der jede Widerspenstigkeit hasst, fügte sich diesem Befehl:
als aber ein Pferd, das man bei der Darstellung eines Stückes, auf die Bühne gebracht hatte, inmitten der Bretter, zur großen Bestürzung des Publikums, Mist fallen ließ: wandte er sich plötzlich, indem er seine Rede unterbrach, zu dem Pferde und sprach:
„Hat dir die Direktion nicht verboten, zu improvisieren?“ -
Worüber selbst die Direktion, wie man versichert, gelacht haben soll.

DAVE WECKL Crazy Horse, 5:43
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„Crazy Horse“; Dave Weckl und sein Ko-Komponist Jay Oliver hatten 1994 gewiß nicht die Theater-Anekdote von Kleist vor Augen, als sie den sehr treffenden Rhythmus dieses „verrückten Pferdes“ entwarfen.


O-Ton POLDOLSKI-TOR, 1:13 (TV-Ton, 22.03.2017)


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Dortmund, 22. März 2017, in diesem Kommentar steckt vieles über das Planbare und das Spontane wortwörtlich auf einem „Feld“, auf dem hochgradig improvisiert wird, obwohl-

RICHARD WILLIAMS
Richard WillilamsIm Fußball taucht der Begriff „Improvisation“ nicht auf, dort spricht man eher von „Einfallsreichtum“.
Große Jazzmusiker kreieren etwas, was man vorher noch nicht gehört hat. Fußballer denken gar nicht in diesen Begriffen. Sie wollen die ihnen zugedachte Rolle erfüllen, so kreativ wie nur irgend möglich. Indem sie ihre Technik immer weiter verbessern.
Für mich hat Improvisation sehr viel damit zu tun. Es geht darum, die Umgebung genau zu erfassen, und zwar nicht nur, was jetzt gerade geschieht, sondern was als nächste geschehen könnte, in Bezug auf die Spieler, den Ball und den Raum.
Das zeichnet große Fußballspieler ebenso aus wie große Musiker, große Jazzmusiker. Die können vorausschauen, vorausdenken. Ein bedeutender Rennfahrer hat einmal gesagt, er würde immer zwei Kurven weiter denken als wo er sich gerade befindet.
Ein großer Jazzmusiker denkt vielleicht vier Takte weiter als das, was er gerade spielt. Natürlich gibt es individuelle Unterschiede.

MODERATION
Dieser Mann ist gleichermaßen im Jazz wie im Fußball zu Hause:
Richard Williams aus London. Er leitet das Jazzfest Berlin und ist zugleich einer der bekanntesten Sportkommentatoren in England.
Williams sagt, Fußball sei zu 100 Prozent improvisiert - Gunter Gebauer schränkt ein, ein wenig zumindest.
Gebauer lehrt an der Freien Universität Berlin und hat ein Buch veröffentlicht mit dem Untertitel: „Philosophie des Fußballs“.

GUNTER GEBAUER

gebauer2„Er ist nicht vorhersehbar“, das ist klar. Aber, dass er 100 Prozent Improvisation ist, das glaube ich nicht. Das Interessante ist ja gerade, dass Fussballtrainer und -journalisten und viele Zuschauere der Meinung sind, man können einen Sieg planen. Deswegen ist von „Taktik“ und „Strategie“ und dergleichen die Rede, 4:3:3 oder Spielsysteme dieser Art und eingeübte Standard-situationen und ähnliche Dinge, bei denen der Eindruck erweckt wird, man könne genau vorhersehen, dass ein Tor fällt.

Und tatsächlich geschieht es ja immer wieder. Das gehört alles mit zum Fußballspiel, sodass die Improvisationselemente zwar da sind, aber für die Fußballliebhaber wie Fußballkenner ist es eher umgekehrt, dass sie sagen „das ist ganz logisch, dass jetzt ein Tor fällt, das ist vorhersehbar. An dieser Stelle, der Eckball, der so und so geschossen wird und geht auf den Kopf von dem und dem Stürmer - dann muss er drin sein!“
Fussball ist deswegen so spannend, weil, sagen wir mal, in der Rhetorik 50 Prozent Können und vorhersehbare Taktik und Strategie  im Spiel ist und 50 Prozent Improvisation. Tatsächlich würde ich sagen, der Improvisationsanteil ist viel, viel höher.

DJANGO BATES Football, 4:37
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Gwilym Simcock, der wohl größte Fußball-Fan unter den englischen Jazzmusikern, hat noch keines seiner Stücke nach seiner Leidenschaft benannt - wohl aber Django Bates, 2004, „Football“.
Im neuen „Oxford Handbook“ beschreibt der italienische Philosoph Davide Sparti sehr schön die unterschiedliche Bewertung des Improvisierens im Jazz und im Fußball.

Zitat DAVIDE SPARTI
Anders als im Jazz ist Improvisation im Fußball ein unerwünschter Nebeneffekt von Zufällen; wenn ein Spieler sich auf einen Aktionsplan verlassen könnte, der ihm ein Tor garantierte, dann würde er ihm unbedingt folgen. Und er wäre nicht bereit, in jedem Spiel anders spielen, nur der  ästhetischen Vielseitigkeit wegen, und dabei obendrein zu riskieren, kein Tor zu erzielen.

GUNTER GEBAUER

Ja, er hat recht. Sparti ist jemand, der sich auskennt in diesen Dingen. Das ist wunderbar, wenn jemand so spricht. Es ist ja auch erkennbar, dass Fußballer, selbst die allergrößten, Geheimrezepte zu haben scheinen, wie sie spielen, wie sie Freistöße schiessen usw. Wenn die unhaltbar sind - und es gibt solche Spieler, die solche Freistöße schiessen können -, dann variieren sie ihr Spiel nicht. Dann schiessen sie ihren Freistoß in den Winkel und schiessen ein Tor. 
Was anderes ist, wenn dieselben Spieler einen Elfmeter schiessen.
Da wird ja das Elfmeter-Schußverhalten vorher analysiert. Ein Torwart weiß genau Bescheid: 80 Prozent in die linke Ecke, 10 Prozent in die rechte Ecke, 10 Prozent in die Mitte usw. und wird sich darauf vorbereiten. Das wird ja alles vorher analysiert.
Und dann muss wirklich der Elfmeter-Schütze improvisieren. Und ich denke, ein sehr gute Elfmeter-Schütze - das kann man in der Superzeitlupe sehr schön sehen - verzögert den Schuss, bevor er den Ball trifft.

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Der Begriff „Improvisation“ mag zwar im Fußball verpönt sein - gelegentlich kommt er doch vor. Als ich Richard Williams treffe, zeige ich ihm eine deutsche Schlagzeile: „Guardiola - der Improvisator“.

RICHARD WILLIAMS
Er ist ein Arrangeur für Improvisatoren.
Von allen Musikgattungen kommt meines Erachtens Jazz dem Sport am nächsten, insbesondere Fußball. Die Kombination von Organisieren und Improvisieren, von Planung und Spontaneität kann sehr variabel ausfallen.
Faszinierend für mich, dass Trainer ähnlich wie Bandleader diese Dinge angehen.
Guardiola z.B. ist ein großer Organisator, ein großer Arrangeur. Aber er eerlaubt den Fußballern Raum für individuelles Handeln. Darin ähnelt er ein wenig Duke Ellington, auch der schafft einen Raum für individuelle Stimmen.
Mann könnte vielleicht sagen, Lionel Messi ist Guardiolas Johnny Hodges.
Indem er Raum für Möglichkeiten schafft und sicher stellt, dass sie darin nicht eingeschränkt werden.

DUKE ELLINGTON Don´t get around much anymore, 2:51 (mit J. Hodges)
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SWR2 NOW JAZZ: Improvisation, eine Qualität des Lebens. Von Keith Jarrett bis Angela Merkel“.
Das letzte Wort in dieser dritten Folge mit dem Schwerpunkt „Improvisation im Alltag und im Fußball“ soll einem Pratiker gehören, der - seltene Doppelbegabung - auch zu den Intellektuellen der Jazzwelt gehört: der Pianist Vijay Iyer.
Er beschreibt im „Oxford Handbook…“ den geradezu ausufernden Bereich des Improvisierens. Was sehr gut zu der nächsten Folge der Reihe am 18. Mai passt, die nämlich unter dem Stichwort „Evolution“ Grenzen der Improvisation aufzeigen wird. 18. Mai, 23.03 Uhr, SWR2.
Am Mikrofon verabschiedet sich Michael Rüsenberg.
Doch zunächst Vijay Iyer, als Autor und als Musiker.

Zitat VIJAY IYER
Der Bereich des improvisatorischen Verhaltens ist so riesig, das es leichter sein mag, Verhalten anzuführen, das nicht improvisiert ist - das Durchführen von Routinen, Plänen, Checklisten, Feiern, Zeremonien, notierten Aufführungen durchkomponierter Werke - letztere beispielhaft für das, was Edward Said „extreme Gelegenheiten“ genannt hat. Es scheint, als sei dieser Bereich nicht-improvisierten Verhaltens die große Ausnahme, eine relativ kleine (aber wichtige) Teilmenge des menschlichen Verhaltens.



VIJAY IYER TRIO Countdown
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