Joachim Ernst Berendt zum 80.
HR2, 19.07.2002


INTRO - Collage aus Jazz-Moderation JEB und Nada Brahma JEB

MUSIK: European Jazz All Stars, Anything Else? 1:57 (Joki Freund)

WERNER WUNDERLICH

Joachim Ernst Berendt war einer, dem der Jazz als solcher sehr viel zu verdanken hat. Denn er hat durch seine Arbeit vielen Menschen den Weg zum Jazz geöffnet, das Ohr für den Jazz geöffnet.

Und ich glaube, das ist so sein grösstes Verdienst gewesen.

Mal abgesehen davon, dass er also hervorragende Sachen produziert hat, Platten produziert hat, und auch seine Bücher, ich meine jetzt speziell das Jazzbuch, das wirklich vielen, vielen Menschen den Weg gewiesen hat.

GÜNTHER HUESMANN

Der Mann hat gebrannt, ja. Der hat wirklich gebrannt. Da war was Manisches drin. Auch was wirklich Erschreckendes. Weil, der verzehrte sich letztendlich in seinen Projekten, der berauschte sich auch daran, letztendlich auch an seiner Person selbst.
Aber die Energie, mit der er Sachen vorangetrieben hat - das vermisse ich manchmal schon auf der aktuellen deutschen Jazzszene.

WOLFRAM KNAUER

Ich war in Portugal im Frühjahr und habe dort Jose Duarte getroffen. Und, dann hat er selbst sich mir vorgestellt: "Ich bin ja der Berendt von Portugal!" Also, es gibt einen Berendt, und der Berendt in der Jazzwelt, so einer bestimmten Art von Jazzwelt, ist halt der Fachmann, der sich im Jazz in allem auskennt, der auch keine stilistischen Schranken hat, sondern sagt: ich höre erst mal und dann entscheide ich, ob es mir gefällt oder nicht, also der ein bisschen breiter gefächert ist. Das ist der Berendt in der Jazz-welt. Und der dann auch noch die Position hat in dem Land, dass er im Rundfunk, in Zeitschriften und Büchern darüber publizieren kann und für Leute als Ansprechpartner da ist.

WERNER WUNDERLICH

Ich kann mich erinnern an einen Termin 1956. Wir hatten in Darmstadt an der Technischen Hochschule einen Jazzclub, und wir haben Konzerte veranstaltet, und ein Konzert stand unter dem Motto "Jazz und Alte Musik". Den Jazz in einem Vortrag hat Joachim Ernst Berendt vertreten, gespielt hat, glaube ich, das Wolfgang Lauth Quartett.

MUSIK WOLFGANG LAUTH Schwetzinger Original 2:40
(M: W. Lauth; Bear Family REc BCD 15942 AH; LC-Nr 1557

WERNER WUNDERLICH

Und da haben wir uns dann auch einander begrüsst, ich war Vorsitzender dieses Clubs, und wir haben nachher in unserem Clubraum zusammengesessen und uns unterhalten. Und von da an haben wir uns öfter mal getroffen - und intensiver dann 1957, also ein Jahr später, bei der legendären Reise nach Polen, mit einer Frankfurter Gruppe - Albert und Emil Mangelsdorff, Joki Freund und ein paar andere - und Berendt hatte sich dieser Delegation angeschlossen.

MODERATION

Werner Wunderlich, Baden-Baden. Von 1977 bis 1991 Jazzredakteur des Südwestfunks.

GÜNTHER HUESMANN

Ich habe 1980 eine Hospitanz in der Jazzredaktion des SWR gemacht.
Damals eben auch mit dem Ziel, Kontakt zu JEB zu bekommen, der damals eben der ausgewiesene Jazzmann in Deutschland war. Ich hatte damals Zivildienst gemacht und mein grosser Traum war, zum Radio zu kommen und Berendt war für mich so eine Art Übervater, jemand, den ich sehr bewundert habe.
Als ich dort ankam, beim Südwestfunk, war aber die Enttäuschung sehr gross, weil der grosse Mann war leider weg. Der war wirklich 2 Monate lang in Japan. Ich habe dort eben meine Hospitanz gemacht und habe Berendt letztendlich nur eine Woche lang erleben können.

MODERATION

Günther Huesmann, Jazzkritiker in Berlin.

WOLFRAM KNAUER

Also ich bin Jahrgang 58 - ich bin mit Berendt aufgewachsen. Leute, die 10 Jahre älter sind, sind mit Berendt aufgewachsen.
Wer immer in der Nachkriegszeit zum Jazz gekommen ist, bis in die Mitt-80er-Jahre hinein, hat wahrscheinlich als erstes Jazzbuch "Berendt" gelesen.

MODERATION

Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstitut Darmstadt.

WOLFRAM KNAUER

Ich erlebe es häufig, dass Leute hierherkommen und in dem Plattenarchiv beispielsweise blättern und dann feststellen: "Wow, das ist eine Platte von Berendt! Da steht hinten sogar noch JEB drauf!" Und dann ganz andächtig werden. Und das ist dann wirklich so etwas, wo ich denke: "Ach ja stimmt, da war ja noch was mit Jazzpapst!"

Oder andere Leute, die uns ihre Plattensammlung übereignen, schenken und sagen: "Ich möchte gerne, dass meine Platten neben den Platten von Joachim Ernst Berendt stehen."

MODERATION

Im Jazzinstitut Darmstadt ist die Sammlung Berendt aufgegangen.

WOLFRAM KNAUER

Als ich anfing 1990 und das Jazzinstitut aufbaute, da bekam ich vor allem im ersten Jahr Anrufe von Musikern, die alle etwas pikiert waren darüber, dass in Darmstadt so ein Institut eingerichtet wird mit öffentlichen Geldern, und diese Berendt-Platten... ja in Darmstadt angekauft wurden. Die Stadt Darmstadt hat ne Menge Geld dafür hingelegt, als sie 1983 die Sammlung gekauft hatte. Und da kam sehr häufig die Kritik: "Berendt hat ja...wir haben ihm doch diese Platten geschenkt, und der hat die einfach verkauft: was für eine Schweinerei!"

Und ich musste das immer abwiegeln, das hat sich dann irgendwann gelegt. Ich hab´s natürlich abgewiegelt und gesagt: Berendt hat auch etwas dafür getan. Er hat diese Platten keineswegs geschenkt bekommen, sondern damit gearbeitet - ob das nun für seine Sendungen beim SWF gewesen sei oder für entliche andere Aktivitäten, die er immer nebenbei gemacht hat,ob er nun fürs Podium geschrieben hat oder für andere Zeitschriften - er hat mit dieser Musik gearbeitet.
Und er hat auch irgendwas damit gemacht, also auch für die Musiker gemacht. Er hat damit gearbeitet - und dann kann man auch die Platten verkaufen.
Berendt selbst hat nie so getan, als wenn das eine Stiftung gewesen wäre.
Er hat auch öffentlich erzählt, dass der Verkauf seiner Sammlungnach Darmstadt ihm ein Stockwerk seines Hauses finanziert hat. Er hat damals, nachdem er diese Sammlung verkauft hat, sein Haus in Varnhalt bei Baden-Baden um ein Stockwerk aufgestockt.

Joachim Ernst Berendt Ausschnitt aus "Was ist Jazz?" (swing)

MUSIK
GEORGE GRUNTZ JAZZ ENSEMBLE with THE BASEL TAMBOURES & PIPERS Change of Air 2:00
(M: Gruntz; Motor/MPS 531847-2; LC-Nr 0979)

WOLFRAM KNAUER

Ich habe von ganz vielen Leuten immer gehört, dass Berendt auf seinen Schallplatten gefrühstückt haben soll. Als ich hier anfing, haben mich Leute angerufen und gesagt: "Die Platten, die kann man doch gar nicht mehr abspielen! Wir haben gesehen, wie Berendt mit seinen Platten umgegangen ist. Da lag das Butterbrot daneben und er schmierte Marmelade drauf und sonstwas"...Ich hab die Marmelade nie entdeckt. Die Platten sind in so einem Zustand, wie halt Schallplatten sind, die tatsächlich ab und zu benutzt werden.

MODERATION

Joachim Ernst Berendt, geb am 20. Juli 1922, in Berlin,Sohn eines im KZ Dachau ermordeteten Pfarrers.
1945 erster Angesteller des Südwestfunks in Baden-Baden.
Jazzredakteur dort von 1949 bis 1987.
1953 erscheint die erste Ausgabe seines "Jazzbuches", bis heute der weltweit auflagenstärkste Band über Jazz.

WOLFRAM KNAUER

Die Berendt-Platten bei uns im Archiv erkennt man daran, dass Berendt grundsätzlich irgendetwas draufgeschrieben hat. Das machen Journalisten häufig, man muss sich dran erinnern, was auf der Platte drauf ist. Und er hat meistens irgendwelche Tempobezeichnungen draufgeschrieben, dann steht hier - und zwar alles in Englisch: "lovely tango", das ist keine Tempobezeichnung, sondern schon eine Charakteristik. "slower", "fast", "very fast" oder sonstwas. Und es stehen sehr häufig Sendedaten drauf.

Also ich habe hier jetzt ne Platte vom Vienna Art Orchestra, "Tango from Obango", von 1979, genau die allererste, und da erfährt man der der Platte jetzt, aus Berendts Kommentaren, dass er sie offensichtlich zum ersten Mal im November 1980 gesendet hat, am 4. November 1980, dasselbe Stück hat er auch am 5. Dezember 1985 gesendet und am 5.10.1986, und auf der 2. Seite ein Stück hat er auch 3 oder 4mal gesendet.

MUSIK VIENNA ART ORCHESTRA Tango from Obango (Mathias Rüegg) 1:37
Extraplatte 10

O-TON JEB: Hörer wollten mehr als nur Jazz von ihm hören

O-TON JEB: Moderation Fernsehsendung

MUSIK EUROPEAN JAZZ ALL STARS Haitian Fight Song (Charles Mingus) 2:30

WOLFRAM KNAUER

Ja, das (hier) ist das Berendt-Regal. Also ein ganzes Regal mit Berendt-Ausgaben: Jazzbuch, Variationen über Jazz, auch die esoterischen Bücher, seine Autobiographie, Das Dritte Ohr, Nada Brahma Ich höre also bin ich, usw. Und dann sein Jazzbuch vor allen Dingen auch, also ich weiss nicht, in wievielen Sprachen, also es ist gar nicht alles identifizierbar, vom Englischen übers Spanische, Polnische, Ungarische bis hin zu japanischen Ausgabe, die kein Mensch.... also die wir nicht lesen können. Und Sonderdrucke von irgendwelchen Aufsätzen, die er mal irgendwo veröffentlicht hat usw. Also wir haben das alles beisammen gelassen, das ist dann wirklich so die Berendt-Abteilung.

GÜNTHER HUESMANN

Nach dieser einen Woche Hospitanz bei Joachim Ernst Berendt hat mich der grosse Mann in sein Büro zitiert, hat sich bedankt für die Zusammenarbeit und hat gesagt: "Ich will Ihnen eines mit auf den Weg geben, Herr Huesmann, was ich Ihnen jetzt sagen werde, klingt sehr zynisch, aber hören Sie es sich gut an: es ist völlig egal, was Sie schreiben. Es ist völlig egal, ob es wahr ist oder nicht, aber eines muss es haben, Stil muss es haben. Du musst die Leute anmachen!"
Ich habe das damals überhaupt nicht verstanden. Ich konnte auch überhaupt nicht mit ihm übereinstimmen, aber das war Berendt´s message so an mich.

MODERATION

1989 erhält Günter Huesmann von Berendt den Auftrag, sein Standardwerk - "Das Jazzbuch" - zu überarbeiten.

WOLFRAM KNAUER

Berendt war ein Meister im Namengeben. Also, sein Jazzbuch ist ja deshalb toll, weil der nennt alle Namen von allen Leuten, die irgendwann im Jazz gespielt haben und schmeisst sie in bestimmte Kapitel.
Und wer zum ersten Mal dieses Jazzbuch liest, kann plötzlich ein bisschen einordnen. Das stimmt zwar alles nicht so ganz richtig - aber es stimmt erst mal. Und das fehlt.
Man kann nicht mehr die Musik einordnen, die man heute hört.

WOLFRAM KNAUER (vor den Regalen des Archivs)

Jetzt stehen wir z.B. vor diesem Regal, an dem ein Ordner sich befindet, auf dem steht "Briefe an Joachim Ernst Berendt/ Manuskripte von Joachim Ernst Berendt/Kritikmappe/Berichte usw. Presse-berichte über Berendt usw."
Und wenn Du hier hinein greifst, dann kannst Du schon etwas auch über die Konflikte sehen. Hier habe ich mal etwas reingepackt: "Rechtsstreit Pariser Jazzsalon 1954".Berendt war in Paris gewesen, hatte u.a., glaube ich, die Edelhagen Big Band nach Paris gebracht, und es gab wohl Kritiken von Leuten, die die Edelhagen Big Band nicht so toll fanden. Und Berendt hat da gleich einen Rechtsstreit vom Zaune gebrochen.

(schmunzelt) eigentlich muss man´s lesen, muss ich´s vorlesen, und dann geht ne Stunde rum.

Also hier ein Brief, der sich damit beschäftigt, dass ihm irgendjemadn beim SWF nahelegt, seine Mitarbeit in der Zeitschrift "Podium" - das ist der Vorgänger vom "Jazz Podium"- niederzulegen, weil das mit seiner Arbeit im SWF in Konflikt geriete.
Es gibt viele, viele Rechtsstreite, weil Berendt eben immer ein streitsüchtiger Mensch war.

Joachim Ernst Berendt Ausschnitt aus "Was ist Jazz?", Rhythm Kurzgeschichte des Jazz

WOLFRAM KNAUER

Ich habe irgendwann mal mit Berendt über solche Dinge geredet, über die verschiedenen Streits. Und ich hab´ ja nie so ganz verstanden, warum so ein Mann, der von allen unbestritten eine Koryphäe auf seinem Gebiet war - was immer man über seine Bücher sagen mag, er war jedenfalls ein Experte, jemand der sich wirklich auskennt - warum der so streitsüchtig ist. Und warum der es nicht abkann, dass ihn jemand kritisiert.

Und ich habe irgendwann verstanden - so für mich verstanden, ob es stimmt, weiss ich nicht - aber für mich habe ich verstanden, dass Joachim Ernst Berendt ein sehr machtbewusster Mensch war. Der diese Macht haben wollte, und der es nicht abkonnte, wenn er sie nicht hatte.

Und das mag man ihm ankreiden - für den Jazz war es was Gutes!
Weil, er war ja auch in Positionen, in denen er Macht hatte, und in denen er etwas tun und bewirken konnte.

Und er hat immer dann aufgehört mit bestimmten Jobs, wenn er entweder die Macht verloren hat, wenn zuviele Leute gegen ihn gestänkert haben - oder wenn´s ihn gelangweilt hatte.

O-TON JEB: Ashrams, Bali, Jazz-Mafia

WOLFRAM KNAUER

Wir haben irgendwann einmal beim Abendbrottisch gesessen und ihm kamen die Tränen, weil er kurz vorher einen Anruf bekommen hatte von einem Musiker, der halt nicht ihm die - wie er meinte - gebührende Referenz gezollt hatte, und dann einfach sagt: "Warum vergessen die alles, was ich für sie getan habe?"

Und wo ich dann fragte: "Sag´ mal, was ist denn los? Du müsstest doch wissen, dass dich alle durchaus achten für das, was du getan hast. Du musst doch nicht dauernd diese Bestätigung haben, dass man dir immer sagt: Berendt, was bist Du für ein grossartiger Mensch!"

Aber das braucht er. Das ist, glaube ich, sein allergrösstes Problem gewesen, dass er immer diese Bestätigung haben wollte, immer diese Liebessucht. Er musste von allen geliebt werden.
Und wenn irgend jemand mal sich kritisch mit ihm auseinandersetzte - auch wenn es respektvoll kritisch passierte -, dann ist der ausgeflippt. Da hat er seine Rechtsanwälte eingeschaltet. Also bei Sachen, wo es völlig unnötig gewesen wäre.

MODERATION

Die Kritik an Joachim Ernst Berendt entzündet sich vor allem an dem, was - positiv gewendet - den Jazz-Papst ausmacht: seine Präsenz in vielen Rollen gleichzeitig.
Berendt war nicht nur Radio- und Fernsehmoderator, sondern auch Schallplattenproduzent, Festivalchef, Kritiker, Buchautor, und er bestimmte lange Jahre, welche deutschen Jazzmusiker das Goethe Institut entsendet.
Die Kritik an Berendt gipfelt 1986 in einem Aufsatz von Volker Kriegel, dort insbesondere in dem Satz:
"Zu seinen Glanzzeiten war unser Berendt mindestens so peinlich wie Reich-Ranicki und Fritz Raddatz in Personalunion."

WERNER WUNDERLICH

Natürich hat das Volker ein bisschen überspitzt formuliert, aber - es steckt eine ganze Portion Wahrheit darin.

GÜNTHER HUESMANN

Naja, aber das ist eher ein Lob als eine Kritik. Natürlich war da ein ganz starkes Ego drin, und Berendt selbst als Person wollte auch immer profitieren von den Entwicklungen, die er anstiess - aber der Mann hat was bewegt.

MUSIK DON CHERRY Sita Rama Encores 1:00 (trad, arr: Don Cherry)
Intuition 3606-2; LC-Nr 08399

Joachim Ernst Berendt: aus Nahda Brahma, Harmonie in Musik und Biologie

MODERATION

1983 - 4 Jahre vor seinem offiziellen Abschied vom Jazz - veröffentlicht Joachim Ernst Berendt "Nada Brahma - die Welt ist Klang".
Das Buch basiert auf einer gleichnamigen Radio-Reihe. Es ist der erste in einer ganzen Reihe von Bestsellern, die sich um eine spirituelle Welterklärung bemühen.

WERNER WUNDERLICH

Das vollzog sich ein bisschen schleichend, würde ich sagen. Und ich habe das erst gar nicht so gemerkt, bis einmal auf meinen Schreibtisch - ich war ja Redakteur in seiner Redaktion - zufällig ein Brief kam von einer Meeresforschungs-Behörde in Kiel oder Flensburg. Und da ging es um die Töne, die Wale erzeugen. Da hat er sich erkundigt, wie das ist, und das hat er JA dann in seinen Buch "Nada Brahma" verwendet. Und da denke ich, was machst Du da...

"Ja", sagt er, "Werner, ich habe ein Buch hier jetzt fertig, und das heisst "Nada Brahma, die Welt ist Klangk". Und dieses Wort Klangk, wie er es ausgesprochen hat, mit ck fast, als ob ck hinten wäre, hat mich doch ein bisschen irritiert. Ich sage, "wenn dir das auf den Klang ankommt, dann musst du das auch richtig aussprechen".

JEB Nahda Brahma heisst Klang ist Gott

GÜNTHER HUESMANN

Ich hab´ da keine Erklärung für. Für mich war es vollkommen unverständlich, auch für mich so etwas wie ein Schock, weil ich den Nahda-Brahma-Berendt anfangs also heftigst, auch öffentlich, kritisiert habe, einer Rezension in der "Kölnischen Rundschau" richtig zerrissen habe, weil das für mich ganz schrecklich war. Also dieser theoretische Überbau, diese Zahlenspekulationen, die eine Rolle spielten.

Letztendlich ist es nicht erklärbar, denn er ist doch schliesslich Jazz-Mann geblieben. Andererseits glaube ich: er wollte seinen Horizont vielleicht erweitern. Ihm wurde diese Jazzwelt, mit ihren kleinen Ritualen und Spielchen, vielleicht doch auch ein bisschen zu eng. Und gerade Menschen, die alt werden, suchen auch nach einer Welterklärung. Die suchen nach der Weltformel, und da ist die Versuchung sehr gross, einer bestimmten Formel dann wirklich den erklärenden Rang zuzuschreiben, zu sagen: das ist es! Und das war für ihn eben die Formel: Nada Brahma - höre, also bist Du!

An der Botschaft stimmt ja nun mal wirklich alles. Höre, wem ein Ohr gegeben ist. Das ist nun mal richtig. Nur das, was da an theoretischem Über- und Unterbau war, da knirschte doch vieles im Gebälk.

MODERATION

Günther Huesmann rechnet es Berendt als "menschliche Grösse" an, dass jener - trotz der heftigen Kritik an Nada Brahma - ihm den Auftrag erteilt, das Jazzbuch fortzuschreiben.
Die fundierteste Auseinandersetzung mit "Nada Brahma" findet sich in einem Buch des Philosophen Peter Sloterdijk.

Zitat Sloterdijk

"Die Welt ist nicht Klang, sondern Raum seiner Möglichkeit, sie ist keine Symphonie, sondern lärmender Alptraum, der Grund hat, sich selbst daran zu erinnern, dass aus dem Übermass des Lärms die Vision tönender Ordnungen aufsteigen kann".

WERNER WUNDERLICH

Was mich schon ziemlich früh irritiert hat, war sein offensichtlich gestörtes Verhältnis zur Realität. Ich will ihm nicht unterstellen, dass er eine absichtliche Distanz zur Wahrheit hatte - aber zur Realität doch. Und auf manche Sachen, die ich ihm dann vorhielt, wo ich sagte: "Jochen, das stimmt so nicht, das war nicht so. Hier steht es geschrieben, hier habe ich Bilder" usw. Und dann sagt er: "Ach, Werner, ja, weisst Du, ich habe das so geschrieben...wie es in meiner Erinnerung ist".

Also, was man ihm nicht vorhalten kann, dass er bewusst jetzt etwas gefälscht hat, an der Wahrheit vorbeigesprochen. Ich glaube, der war so ein bisschen schizophren in der Beziehung.

JEB: aus Nada Brahma, Wir müssen lernen, Schweigen lernen zu hören

GÜNTHER HUESMANN

Berendt´s Stil ist eindeutig emotional; das muss man so sehen.
Ich meine, allein die Art und Weise, wie er gesprochen hat - diese Mischung aus flüsternder Erotik und pathetischem Raunen. Da ist was sehr, sehr Emotionales drin.

MODERATION

Hamburg, 4. Februar 2000, 5 Uhr 8.
Joachim Ernst Berendt erliegt in der Universiätsklinik Eppendorf den schweren Verletzungen, die er sich am Vorabend beim Überqueren einer Strasse zugezogen hatte. Er war von einem Fahrzeug erfasst worden.
Joachim Ernst Berendt stirbt im Alter von 77 Jahren.

GÜNTHER HUESMANN

Ansonsten ist diese Figur Berendt eine historische Figur. Eine, die auch nicht mehr in das zeitgenössische, demokratische, vielschichte, vielstimmige, polyphone Jazzgeschehen der Neuzeit nicht mehr passt.
Aber, wie gesagt, Joachim Ernst Berendt, diese Energie - das ist etwas, da können wir uns alle eine Schnitte von abschneiden.

WOLFRAM KNAUER

Vielleicht 2 oder 2 1/2 Monate vor seinem Tod war ich in Baden-Baden, habe ein paar Sachen abgeholt. Das war damals für mich einesehr irritierendes Erlebnis, weil Joachim Ernst Berendt mich durch sein Haus führte - das ich ja kannte - und mir sagte: "Ich muss dir jetzt mal mein Lager zeigen, weil das kommt ja später alles mal zu euch, wenn ich nicht mehr bin. Und du sollst es jetzt alle sehen, damit meine Frau, die Jadranka, damit später keine Probleme hat, damit du schon alles weisst.!"

Also er hat mir wirklich im Prinzip alles gezeigt, was wir dann irgendwann mal abholen sollten und hat einen Nachmittag lang vom Tod gesprochen.
Und das war sehr bedrückend. Und als ich dann an dem Tag, als er verunglückt ist, angerufen wurde und mich ein Journalist fragte, ja, ich hätte doch sicherlich schon gehört von seinem Tod - da war ich völlig irritiert und wusste nicht, dass es ein Unfall war und dachte nur: der muss das gewusst haben!

Und das das dann ein Unfall war, das hat mich sehr irritiert.

© Michael Rüsenberg, 2002. Alle Rechte vorbehalten.

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