Ein Gespräch mit Tobias Plebuch, Stanford/CA

HR2, 20.09.2003

TOBIAS PLEBUCH

Man kann Musikgeschichte einfach nicht mehr so darstellen, wie er das - bewusst polemisch und auch dogmatisch - getan hat. Man tut einfach heute Studenten unrecht, indem man Ihnen so ein Bild des 20. Jahrhunderts vermittelt.

Moderation

Tobias Plebuch, seit 5 Jahren an der Universität Stanford in Kalifornien "assistant professor" für Musikwissenschaft, was nur sehr vage unserem "Assistenz-Professor" gleichzusetzen ist. Plebuch hat im "Merkur - Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken" einen viel-beachteten Aufsatz veröffentlicht, und zwar im August 2002 - ein Jahr vor "Adorno 100".

TOBIAS PLEBUCH

Ja, ich habe den 100. Geburtstag gar nicht im Kopf gehabt. Ich wurde einfach gefragt, dazu angeregt von meinem Freund und Kollegen Hans Ulrich Gumbrecht, der hier auch in Stanford lehrt, und das war eigentlich der Anlass. Und da ich mich sowie schon mit Adorno viel beschäftigt hatte, habe ich diesen Artikel geschrieben, aber nicht an den 100. Geburtstag gedacht dabei, nein.

Moderation

Nachdem Ihr Artikel im Merkur veröffentlicht worden war, haben mehrere Leute - darunter auch ich - mal nachgeguckt: "wer ist denn eigentlich Tobias Plebuch?", auf Ihrer Homepage uns kundig gemacht. Da sieht man sehr viel CARL PHILIP EMANUEL BACH, auch eine Dissertation haben Sie darüber geschrieben, auch gender studies - aber das Stichwort ADORNO hat man kein zweites Mal gefunden.

TOBIAS PLEBUCH

Na doch, ich erwähne ihn in meinem Stück über das Böse, die Geschichte des Bösen in der Musik. Das kreist vor allem um den Dr Faustus-Roman- oder geht von dem Problem des Teuflischen in der Musik, oder: wie klingt diabolische Musik? - davon geht das aus. Und da spielt Adorno natürlich eine sehr wichtige Rolle.

Moderation

Sie erwähnen in Ihrem Artikel über Adorno, dass Sie auf der anderen Seite des Planeten jetzt leben und lehren. Wieviel an dieser Arbeit, an diesem Aufsatz, an diesen Thesen, an dieser sehr kritischen Auseinandersetzung mit Adorno ist denn Ihrem jetzigen Standort Stanford geschuldet?

TOBIAS PLEBUCH

TobiasPlebuchVielleicht mehr der Westküsten-Kultur der Vereinigten Staaten, wo ja viele Impulse geboren wurden, die heute mit der Postmoderne assoziiert werden. Man merkt das heute noch im Lebensklima hier oder in der Kultur, die eben sehr pluralistisch ist, sehr offen, sehr zukunftsorientiert auch.

Und das ist natürlich eine Welt, in der Adorno selbst auch gelebt hat in Kalifornien, in Los Angeles, die aber doch Welten entfernt ist von den Gefilden, wo sein Herz wirklich schlug, das ist also der grossen europäischen, um nicht zu sagen deutschen, bildungsbürgerlichen Tradition.

Es ist schon sehr anders hier, und das bringt einen schon zum Nachdenken, besonders wenn man hier auch unterrichtet und nicht nur zu den Menschen sprechen will, sondern auch mit ihnen sprechen will, besonders mit jungen Menschen.

Moderation

Umkehrschluss völlig hypothetischer Art: wären Sie noch in Freiburg, wären Sie noch in Berlin geblieben, hätten Sie sich nicht mit Adorno beschäftigt?

TOBIAS PLEBUCH

Ich habe mich immer viel mit Adorno beschäftigt in Deutschland, darum geht´s ja auch in dem Artikel, der leichte autobiografische Züge hat. Seit den 80er Jahren habe ich viel Adorno gelesen und mich damit beschäftigt. Aber, ich hätte sicherlich einen ganz anderen Kurs genommen, in Deutschland.

Moderation

Nimmt Stanford, jetzt unabhängig von Tobias Plebuch, Adorno 100 wahr?

TOBIAS PLEBUCH

Ja, oh doch, wir haben ein Wissenschaftler-Pärchen, dessen Name mir jetzt entfallen ist, die also z.B. auch nach Frankfurt gehen, zum Adorno-Institut gehen, dort Forschung betreiben. Er ist unter Studenten jetzt besonders en vogue, natürlich auch wegen dem Geburtstag. Studenten sind sehr interessiert. Wir wollen im nächsten Herbst z.B. einen Workshop hier machen, der über 3 Quarter hinweggeht, über Ästhetik und Kritik, wo Adorno auch eine grosse Rolle spielt. Und natürlich, in Amerika allgemein ist die Adorno-Rezeption etwas spät, aber sehr lebendig. Es gibt Konferenzen hier, Übersetzungen, natürlich noch nicht alles, aber gerade vor kurzem ist wieder ein ganz dicker Band mit Adorno-Essays herausgekommen - doch, die Rezeption ist sehr lebendig hier.

Moderation

Lebendig auch mit anderen Schwerpunkten, auch mit anderen Bewertungen als die europäische, als die deutsche Adorno-Rezeption?

TOBIAS PLEBUCH

Ja, sicher. Insgesamt eine unkritischere - noch unkritischere, als sie in Deutschland ist.
Was aber natürlich aber besonders sauer aufstösst hier und grosses Stirnrunzeln und Kopfzerbrechen bereitet, das ist Adornos Verhältnis zur- Hölle Kulturindustrie, zur Popularmusik, zum Jazz insbesondere. Damit werden die Amerikaner nicht fertig, das passt nicht gut in die Landschaft, das ist ein ständiger Stein des Anstosses. Zurecht auch.

MUSIK MARC COPLAND My favorite Things 1, 1:54

Moderation

Tobias Plebuch: "Musikhören nach Adorno" - das ist eine glänzend geschriebene Polemik. Nicht wenige quittierten ihre Lesefreude mit dem Eingeständnis, dies sei eine Arbeit, wie man sie selbst auch gerne geschrieben hätte."Musikhören nach Adorno" verrät seine Argumentationsrichtung schon im Untertitel: "Ein Genesungsbericht".

ZITAT Tobias Plebuch

Ich erinnere mich lehrreicher und erbaulicher Streifzüge durch die Musikgeschichte in Vorlesungen und Seminaren an der Hochschule. Alle Freude aber kam zu einem abrupten Ende, als wir die Schwelle zur Moderne übertraten, das heisst von der Geschichte in die "Vergangenheit" wechselten. Es war die Stunde, da deutsche Lehrer sich in Pfarrer verwandelten. Das kannten wir bereits vom Gymnasium. Adorno figurierte als Schutzheiliger der Moderne, als negativer Erlöser, der uns die unfrohe Botschaft der wissenden Verzweiflung gebracht hatte.
Wir brachten es soweit, alle Musik nach verborgenen faschistoiden Symptomen abzutasten. Und wir entdeckten Faschistoides natürlich überall in Musik, Bildern, Waren, Sprache und Gestik.

TOBIAS PLEBUCH

Ja, das ist natürlich mit Augenzwinkern, halb ironisch geschrieben. Und ich finde es immer eine grosse Unart, wenn man Ansichten, gar Personen pathologisiert, mit denen man nicht übereinstimmt. Aber die Genesung bezieht sich natürlich auf mich selbst, weil ich mich selbst bedrängt, um nicht zu sagen: belästigt gefühlt habe eine Zeitlang durch den Adornismus in der Schule, in der Universität und vor allem im Feuilleton in Deutschland. Und versucht habe, mich davon jetzt auch freizuschreiben.
Klingt etwas auto-therapeutsch jetzt hier! Aber das ist schon mit Augenzwinkern geschrieben, ganz sicher.

Moderation

Der Kern der Kritik von Tobias Plebuch an Adorno steckt in den folgenden Sätzen:

ZITAT Tobias Plebuch

Der modernistische Kanon hat in meinen Ohren an Bedeutung verloren ebenso wie die meisten Leitgedanken Adornos - nicht nur aus Verdruss am Verdruss, sondern weil sie zu vieles zu schlecht und manches überhaupt nicht erklären... Den klugen Analysen, der Feinfühligkeit und dem Ideenreichtum von Adornos Musikphilosophie steht eine Reihe krasser Fehlurteile gegenüber.

TOBIAS PLEBUCH

Das Krasseste ist sicher das, was er über Jazz geschrieben hat - auch das immer wieder durchsetzt mit sehr interessanten, sehr anregenden und auch genauen Einzelbeobachtungen. Aber insgesamt, wenn man das vergleicht mit dem, was er über MAHLER und BERG geschrieben hat, gehört das sicher zu den schwächeren, ärgerlichen Texten auch, die er verfasst hat - und eigentlich nicht zurückgenommen hat später. Das muss man ihm vielleicht noch übler nehmen als dass er das später nicht revidiert hat oder differenziert hat was er da geschrieben hat.

Sein STRAVINSKY-Urteil in der "Philosophie der Neuen Musik" - auch SCHOENBERG, das wird häufig übersehen, kommt ziemlich schlecht weg in der Philosophie der Neuen Musik und die 12-Ton-Technik. Das Urteil zu STRAWINSKY hat er ein wenig zurückgenommen in der späteren Arbeit zu Stravinsky, "Stravinsky, ein dialektisches Bild", aber nicht grundsätzlich.

Sein ganzes Verhältnis zur BACH-Bewegung - auch viele interessante Ansätze da drin und sehr feine Beobachtungen. Aber ich glaube, er hat völlig verkannt die Bedeutung der aufführungspraktischen Bewegung und der Musik vor Bach. Er hat die manchmal mit gehässigen Worten abgetan, heruntergespielt. Und das hätte er eigentlich besser schon sehen können, dass diese - ja man muss es deutlich sagen -, dass diese restaurative Bewewgung, aufführungspraktische Bewegung einer der grössten Erfolge ist der Musikgeschichte und der Musikkultur im 20. Jahrhundert. Dass es gelungen ist, ein altes, grösstenteils verschüttetes Repertoire wieder lebendig zu machen, wieder zum Sprechen und zum Klingen zu bringen. Und das hat er z.T. völlig ignoriert, z.T. heruntergemacht. Das hätte er wirklich besser wissen müssen.

Auch sein Urteil über Filmmusik ist oft von sehr herablassenden, eigentlich unqualifizierten Kommentaren durchsetzt. Dass er Filmmusik z.B. Geschichtlichkeit an sich abspricht - das hätte man Ende der 40er Jahre schon besser wissen müssen.

Moderation

Kann man das vielleicht in das Urteil fassen, dass Adorno das, was er mochte, besser analysiert hat als das, was er nicht mochte? Dass er auch da in der Analyse schon schludrig war?

TOBIAS PLEBUCH

Ja, das kann man so sagen. Er selber hebt ja oft hervor, dass gerade die Ressentiments, die oft sehr feinfühlig registrieren, was an einer Musik dran ist, das hat er belegt z.B. an den MAHLER-Hörern - das stimmt schon. Auf ihn selbst trifft das nicht so sehr zu. Ich finde, er arbeitet dort immer viel besser, viel wertvoller. Und was er da geschrieben hat, hat einen viel längeren Wert, wenn er sich um Dinge kümmert, die ihm wirklich persönlich nahestehen. Also vor allem die Schriften zu MAHLER und zu BERG! Da ist kaum Besseres geschrieben worden, wirklich.

Moderation

Aber immer wenn´s um Filmmusik geht, um die viel-verhasste Hölle Kulturindustrie, um Jazz usw....habe ich grosse Schwierigkeiten mit. Und ich bin nicht der einzige.
Könnte man im heutigen Hochschulbetrieb sich das noch erlauben: so zu arbeiten wie ADORNO gearbeitet hat? Oder war das nur zulässig damals, weil er halt einen grossen Namen hatte?

TOBIAS PLEBUCH

Er hat sich ja selbst gar nicht so sehr als Musikwissenschaftler gesehen und auch nicht als Musikgeschichts-Professor oder so was. Ich habe ja gerade - wie soll man sagen? - aus meiner pädagogischen Verantwortung heraus, mich davon distanziert, etwas von den Adorno´schen Dogmen und Lehren, weil ich gemerkt habe, dass man heute so nicht mehr auf das 20. Jahrhundert zurücksehen kann.

Er hat im wesentlichen die Musikgeschichte sehr stark reduziert, sehr exklusiv auf ein fast Rinnsal - kann man sagen - beschränkt, was überhaupt noch gültig ist; der avancierte Materialstand spielt da natürlich eine grosse Rolle drin. Aber das wird einfach der Musik des 20. Jahrhunderts nicht mehr gerecht. Und so kann man heute Studenten nicht mehr gegenübertreten und Ihnen sagen: "Das ist das 20. Jahrhundert!"

Das ist es einfach nicht, das ist viel, viel breiter. Und wir sind nicht mehr in der Lage, solche rigiden, dogmatischen Werturteile heute zu fällen und sie guten Gewissens an die junge Generation wieterzugeben.

MUSIK MARC COPLAND My favorite Things 2, 2:26

Moderation

Ein zentraler Punkt der Kritik von Tobias Plebuch an Adorno ist dessen Hörer-Typologie, an deren Spitze der sogenannte "Experte".
Dies wäre - laut Adorno - "der vollbewusste Hörer, dem tendenziell nichts entgeht und der zugleich in jedem Augenblick über das Gehörte Rechenschaft sich ablegt."

TOBIAS PLEBUCH

Der Experten-Hörer, dem nichts entgeht, das ist ein unmenschliches Bild, was wir uns da vor Augen halten.

Was mich besonders gestört hat an dieser Typologie, das ist auch, dass sie an bestimmten Repertoires sehr hierarchisch, fast nach dem Modell einer Ständegesellschaft, entwickelt ist. Und dass man genau ablesen kann - Adorno nennt die Repertoires auch -, dass der Experte sich nicht nur durch ein besonderes Hören auszeichnet, sondern auch an einem bestimmten Repertoire sich beweist. Das ist beim Experten-Hörer natürlich die WIENER SCHULE, Anton Webern insbesondere. Dann kommt der Gute Hörer, der also - ich glaube, CHOPIN nennt er da - der also Chopin hört. Und so geht´s weiter runter. Dann kommen die Bildungsbürgerlichen, die sich also am klassischen Kanon der Konzert- und Opernmusik erfreuen, und so geht das immer tiefer - bis zur Unterhaltungsmusik.

Und ganz unten steht dann irgendwo der Jazzhörer.

Und das ist einfach, und das werden Ihnen auch heute die meisten Musiker und Musikwissenschaftler bestätigen, das ist hanebüchen.

Gutes Hören findet man überall. Das findet man in Pubs, in Jazzkneipen, auf Neue Musik-Festivals in Darmstadt ebenso wie unter Volksmusik-Kennern. Das hängt nicht vom Repertoire ab oder vom gesellschaftlichen Status.

Moderation

Sie haben nun praktisch durch eine Anekdote gezeigt, dass dies eigentlich unmöglich ist: das permanente strukturelle Hören, indem Sie zitieren ARNOLD SCHOENBERG, der den Pierrot Lunaire dirigiert und dem entgeht, dass ein Klarinettist grosse Teile des Stückes einen Halbton zu tief gespielt hat.

ZITAT Tobias Plebuch

Selbst ein so überragender Musiker wie Arnold Schoenberg musste schockiert die Beichte eines Klarinettisten abnehmen, der ihm gestand, in einer Probe des "Pierrot Lunaire" den gesamten "Mondfleck" auf der A- statt auf der B-Klarinette, also einen halben Ton zu tief, gespielt zu haben.
Die Tatsache, dass der "Pierrot" keine serielle Musik ist, kann nicht darüber hinwegtrösten, dass selbst der Komponist eine so gravierende und anhaltende Abweichung vom Text überhört hatte.

TOBIAS PLEBUCH

Das könnte Anlass sein zu sehr hochmütigen Bemerkungen über SCHOENBERG, wie er da sozusagen vom Sockel gekippt wird durch diese Bemerkung- das hat ihm schwer zu schaffen gemacht auch in seinen eigenen Aufzeichnungen. Er versucht, das sich selber zu rationalisieren, indem er schreibt, ja das wäre ihm ja immer schon komisch vorgekommen und so. Aber, es ist blamabel - aber trotzdem, man kann Schoenberg verteidigen.

Der Anspruch, den man da an Komponisten hat, dass sie ein Werk völlig verstehen, das sie da hervorbringen, in allen Einzelheiten, dass ihnen nichts entgeht - der ist ungerechtfertigt hochgegriffen.

Moderation

In seiner Kritik an Adorno vertritt Tobias Plebuch einen rezeptions-ästhetischen Standpunkt. Dieser fragt nicht mehr: "Was macht Musik mit uns?", sondern: "Was machen wir mit der Musik?"
In diesem Zusammenhang führt Plebuch den Begriff des Inneren Musizierens ein.

ZITAT Tobias Plebuch

Man komponiert immer an der Musik herum, die man hört.
Es ist weder der Komponist noch das Werk, sondern unser eigenes Hinblicken und Hinhören, das die Musik semantisch und emotional füllt.
Musikalische Gehörbildung besteht unter anderem darin, bestimmte Weisen des Weghörens zu lehren.

TOBIAS PLEBUCH

Ja, das habe ich angedeutet auch in dem Hören, was für mich grundlegend ist für alle anderen Arten von Musikausübung oder Musikschaffen. Also eine grundlegende, fundamentale Kategorie, die allem anderen vorausgeht: dem Komponieren, dem Interpretieren oder auch nur dem sagen wir äusseren Zuhören von bestimmten Werken. Und dieses Innere Hören ist ein kreativer Akt, indem wir ständig herumkomponieren an dem, was wir im Moment gerade vernehmen oder gerade vernommen haben. Also es ist kein in take einfach, indem wir sozusagen nur registrieren, was da an Klängen durch unser Ohr ins Gehirn dringt und das sozusagen nur "richtig" verstehen müssen oder gar nicht verstehen müssen.

Im Gegenteil:was auf uns eindringt an Klängen, ist eine Irritation zuerst mal. Und wir müssen versuchen, daraus etwas Sinnvolles herzustellen. Wenn das manchmal nicht mit dem übereinstimmt, was vielleicht sogar der Komponist selber im Sinne hatte oder was Analytiker herausgefunden haben, Musikhistoriker, Musikwissenchaftler, dann ist das nur ein Symptom sozusagen dieser Kreativität, die immer am Werke ist, wenn wir Musik hören. Ganz unerlässlich - man kann ohne dieses Kreative, ohne das Herumdokternde, ohne das weiterkomponierende Hören überhaupt nicht Musik verstehen.

Moderation

Insofern sagen Sie: das Hören von Musik ist mitunter genau so schwierig oder gleichzusetzen mit dem Komponieren von Musik?

TOBIAS PLEBUCH

Wenn man dieses akzeptiert, dass ich sage: es gibt ein Inneren Hören, was fundamental ist für alle Arten musikalischer Beschäftigung, dann könnte man sagen, dass Komponieren eigentlich mehr der Akt ist, das genau aufzuschreiben. Und dass die besondere Begabung von Komponisten darin besteht, es möglichst genau in ein Zeichensystem zu übertragen, was sie innerlich hören.

Aber es gibt ja zahlreiche Beispiele aus der Musikgeschichte, wo Komponisten selber überrascht wurden durch das, was andere Hörer, als Interpreten zum Beispiel, aber auch als Konzerthörer oder Kritiker, aus dem gemacht haben, was sie da niedergeschrieben haben. LEOPOLD MOZART erwähnt in seiner Musikschule etwas polemisch, ja fast sarkastisch, in dem er sagt, dass manche Komponisten sehr erstaunt sind durch das, was Hörer aus ihrem Geklekse - er äussert sich da sehr herablassend über mediokre Komponisten - machen würden.

Aber es gibt immer wieder Berichte, dass Komponisten, selbst wie BRAHMS und WAGNER, sich durch ihre Interpreten so haben anregen lassen, dass sie umarbeiten. PHILLIP EMANUEL BACH sagt was ähnliches in seiner Klavierschule. Nun, ich komme aus dem 18. Jahrhundert - solche Erfahrungen werden da zuhauf niedergeschrieben. Dass Interpreten oftmals sehr viel mehr aus einem Werk machen können, sehr viel Bestimmteres oder ganz Anderes, aber auch Überzeugendes als das, was der Komponist sich vorgestellt hat.

Moderation

Aber das sind alles Tatsachen, die ADORNO hätten bekannt sein müssen.

TOBIAS PLEBUCH

Ja, als Komponist, als jemand, der sehr intensiv mit BERG zusammengearbeitet hat, ja auch aus der Distanz mit SCHOENBERG heraus, ja.
Er kommt nun sehr aus dieser grossbürgerlichen, bildungsbürgerlichen Tradition heraus, in der nun Werke und Grosse Meister immer sehr hoch angesetzt wurden. Der Kanon hat sich immer manifestiert in grossen Meisterwerken. Und ADORNO hat das sicher kritisiert, aber im Herzen hat er, glaube ich, eigentlich immer daran festgehalten.

MUSIK MARC COPLAND My favorite Things 3, 1:21

Moderation

Tobias Plebuch, Ihr Beitrag besteht ja nun nicht nur aus Kritik, mitunter auch beissender Kritik an Adorno, es gibt mittendrin eine für mich geradezu überraschende Passage, ich möchte Sie zitieren:

ZITAT Tobias Plebuch

Gewiss wird Adornos Denken eine Renaissance erleben. Sein feiner Sinn für Unstimmiges, die Verteidigung des Indidivuellen, Inkommensurablen, unaufhebbar Besonderen sind wichtiger denn je.

Moderation

D.h. es bleibt doch etwas bestehen von ADORNO?

TOBIAS PLEBUCH

Ja, sicher, auch vor allem das, was er über MAHLER und BERG geschrieben hat. Manche kleinere Aufsätze sind ganz wunderbar. Ich habe neulich erst wieder das Stückchen gelesen wieder über "Musik im Hintergrund", wo er nicht so aufs Grosse zielt, sondern es ist eine ganz kleine, feine Situationsbeobachtung, wunderbar geschrieben, es ist sehr schön.

Aber eben auch solche Kategrieren wie das Inkommensurable, das Individuelle, das was sich eben nicht über den grossen Leisten biegen lässt und das Allgemeine subsumiern lässt und damit ja quasi vergewaltigen lässt- ein Grundmotiv, fast ein Leitmotiv, was sich durch seine ganze - nicht nur die musikalischen Schriften - durch seine ganze Philosophie, immer wieder durchzieht. Ich glaube, das wird attraktiv bleiben, weil ein so tiefliegendes Problem in aller Philosophie ist, dass das nicht ausstirbt. Und er hat sehr Wichtiges dazu gesagt.

Vor allen Dingen glaube ich, in der Kunstbetrachtung, auch im Kunstschaffen, ist das ungeheuer wichtig. Dass man nicht z.B. sich dem Diktat oder den Stereotypen, den formal-generellen Bestimmungen von Gattung, Stil und Form allzu sehr unterwirft. Sondern immer wieder dem Individuellen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Das ist für Komponisten ganau so wichtig wie für Kritiker, Wissenschaftler und alle Hörer eben.

Moderation

Tobias Plebuch, 100. Geburtstag von Adorno - was bleibt von Adorno?

TOBIAS PLEBUCH

Die Provokation. Seine feinfühlige, sehr liebevolle Analyse, Erklärung von der Musik, die ihm wirklich innerlich nahestand, eben MAHLER und BERG vor allem.
Ja, das ist es, hauptsächlich das.
Für mich als Musiker, Musikhörer und Wissenschaftler ist es vor allen Dingen das.

Moderation

Sie haben im vergangenen Jahr eine Vorlesung gemacht oder auch ein Seminar - wie immer das zu bezeichnen wäre - das hiess: "from Adorno to Zappa" Wie haben Sie darin kalifornischen Musikstudenten den deutschen Philosophen THEODOR W. ADORNO nahegebracht?

TOBIAS PLEBUCH

Mit der "Philosopie der Neuen Musik".

Moderation

Naja, das schliesst vielleicht gerade an die letzte Frage an.

TOBIAS PLEBUCH

Die Philosophie der Neuen Musik ist sicher eines der problematischsten Stücke von Adorno. Aber gerade weil sie so ungerecht sind in ihrem Urteil und so vereinfachend und so diametral ungerecht den Gegensatz Fortschritt/Rückschritt, Schoenberg/Stravinsky aufbauen - gerade deswegen sind sie interessant für Studenten.

Man kommt natürlich schnell dahin, das dann abzurteilen, zu sagen: "Das ist Quatsch sowohl wie er Schoenberg als auch Stravinsky beurteilt hat" - aber, es ist ein sehr interessanter Ansatzpunkt, über den man ins Gespräch kommt über die Probleme Neuer Musik.

Also, naja, da ist doch vielleicht gerade in den Werken, in denen ich persönlich mit Adorno gar nicht mehr übereinstimme, ist viel Potential drin, was wir im Unterricht noch verwenden können.

Jedenfalls ist das mein Ideal: die Studenten viel mehr zu Wort kommen zu lassen über ihre eigenen persönlichen Hörerfahrungen, ohne mit dem Ziel, jetzt das Hören, das individuelle Hören von jungen Menschen heutzutage sofort zu beurteilen und abzuurteilen, zu sagen: "Das ist jetzt fortschrittlich, wie du das hörst!" Oder "Da unterliegst du der Ideologie! Dem gesellschaftlich falschen Bewusstsein usw.!", sondern sie frei und angstfrei ausdrücken lassen können, was sie wirklich dort hören. Und da sind Adornos Texte ein guter Anlass zu, ja.

MUSIK MARC COPLAND My favorite Things 3, 1:36

(Rodgers, Hammerstein; hatOLOGY 581; LC-Nr 6048)

 

© Michael Rüsenberg, 2003

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