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Michael Rüsenberg Teaser mit Logowelle

Radiotexte für WDR, SWR, HR, DLF, Essays zur Musik (1998 bis heute), Interviews mit MusikerInnen

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20. Nov. 2025 | Aktuelles, Radiotexte

Mythos Köln Concert

Ein Rückblick auf das Jubliläumsjahr 2025

DLF Jazzfacts, 20.11.2025, 21.05-22 Uhr

KEITH JARRETT Köln Concert I
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Opernhaus Köln, 24. Januar 1975, in der Stunde vor Mitternacht:
Keith Jarrett spielt vor ausverkauftem Haus. Titel des Abends:
„Keith Jarrett. Piano Solo. New Jazz in Köln (5)“.
Das Konzert wird mitgeschnitten.

Vor 50 Jahren, am 30. November 1975, kommt es als Doppel-LP auf den Markt: „The Köln Concert“.
Es avanciert – hinter Miles Davis´ „Kind of Blue“ – zum zweitbest-verkauften Album der Jazzgeschichte, zum best-verkauften Solo-Piano-Album aller Gattungen.
Damit beginnt vor 50 Jahren eine Rezeptionsgeschichte, so schillernd wie wohl kein zweites Mal im Jazz. Und sie speist sich wesentlich aus den umstrittenen Details der Aufnahme selbst, verstärkt noch durch einen Spielfilm, der in diesem Jahr im Kino lief.
Davon handelt DLF Jazzfacts heute:
„Mythos Köln Concert. Bestandsaufnahme eines der erfolgreichsten und von Mythen umrankten Alben der Jazzgeschichte und seiner Entstehung“. 
Am Mikrofon ist Michael Rüsenberg.

EVA BAUER-OPPELLAND
Also ich glaube, wir sind irgendwie zu einem Bühneingang rein. Wir hatten auch unsere Regie in einem ganz kleinen Raum, oder fast Durchgang auf dem Weg zur Bühne, nicht weit weg vom Bühneingang. Da hatten wir eine kleine Ecke eigentlich fast nur, wo wir das Mischpult und die Lautsprecher aufgebaut hatten. Und es war dann irgendwann, wo es dann aufregend war, weil es gab keinen Flügel.

Eva Bauer-Oppelland, damals 23, Assistentin für Martin Wieland, den verantwortlichen Tonmeister.

Zitat ALEXANDER SCHEER

Wenn der richtige Flügel dagestanden hätte – gäb´s diese Platte nicht.

Alexander Scheer, im Film „Köln 75“ spielt er den „Köln Concert“-Produzenten Manfred-Eicher

VERA BRANDES
Ich hab´erst mal nicht kapiert, was los ist. Bis dann also Eicher, nachdem er drei Mal um das Ding´ herumgegangen ist, gesagt hat: „Also Vera, auf dem Instrument, sorry, aber darauf kann der Keith heute Abend nicht spielen!“

Vera Brandes im WDR. Sie war damals 18, die lokale Veranstalterin.
Das meiste, was über „The Köln Concert“ im Umlauf ist, beruht auf ihren Angaben. Der Film „Köln 75“ ist als ihre Emanzipationsgeschichte inszeniert.

Zitat NAVID KERMANI

Keith Jarrett hatte sein berühmtestes Konzert auch nicht zufällig „in Cologne“.

Navid Kermani, Schriftsteller in Köln

 EVA BAUER-OPPELLAND

Es war dann größere Aufregung und da habe ich glaube sogar selber ein bisschen mitgeholfen, Telefonbücher gewälzt, um vielleicht doch noch irgendwo ein Flügel herzubekommen. Und nach meiner Erinnerung hat man dann den Flügel im Korrepetitionssaal oder Ballettsaal entdeckt, der aber in keinem sehr guten und schon gar nicht gestimmten Zustand dastand.

WOLFGANG SANDNER

Dass es diesen Kultstatus bekommen hat, das hängt sicher auch mit den Umständen zusammen, durch die diese Aufnahme entstanden ist, die ja sehr oft schon kolportiert worden ist. Also, dass er auf einem fürchterlichen Flügel spielen musste, dass er eigentlich gar nicht spielen wollte, dass ihn Manfred Eicher dazu gebracht hat, dass er das dann trotzdem gemacht hat. Nicht etwa die lokale Veranstalterin, die dann in dem Film so hoch gejubelt wird.

Wolfgang Sander, im Bayrischen Rundfunk. Er hat 2015 eine Keith Jarrett-Biografie vorgelegt.

WOLFGANG SANDNER

Dass es dann ein großartiges Konzert dennoch wurde, ist nicht ihr Verdienst, sondern der Genialität Keith Jarretts zu verdanken, der aus diesen miserablen Instrumenten das noch rausgeholt hat. Also, das ist eine zusätzliche Kultgeschichte, die da dran gehängt wird, die aber mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat.

Zitat VINNIE SPERRAZZA
Diese Geschichte von „dem einzigen, was auf einem miesen Klavier mitten in einer harten Tournee funktionierte“ ist so, als würde Pablo Neruda sagen, dass er seine Liebesgedichte nur geschrieben habe, weil auf seiner Schreibmaschine nur die Buchstaben „A-M-O-R-E“ gut funktionierten. Mit anderen Worten: bestenfalls eine Halbwahrheit. 

Vinnie Sperrazza, amerikanischer Jazz-Schlagzeuger und Blogger

BERND WILDEN

Aber speziell diesen Hype um das Köln Concert, der hat mich tatsächlich immer eher befremdet. Vielleicht wie auch Jarrett selber, der ja sagte, „Leute, was macht dir so viel Aufhebens darum? Ich habe viel bessere Konzerte gespielt“.

Bernd Wilden, Komponist aus Bielefeld. 

Zitat ELMAR KREKELER

Vielleicht ist dem Keith das, was man da hört, deswegen so unheimlich, weil es ihm am Abend des 24. Januar 1975 im Infight mit dem bemitleidenswertesten aller Flügel gelungen ist, wofür er das alles eigentlich unternahm – die perfekte musikalische Ausstülpung seiner Seele. Und siehe da: Sie war schön.

Elmar Krekeler  in der Tageszeitung „Die Welt“.

 EVA BAUER-OPPELLAND

Wobei ich mich dann, beim Hören nochmal genau in der Richtung der Schallplatte, doch gewundert habe ich jetzt im Nachhinein:  so schlecht war der Flügel gar nicht.
Oder er klang, Entschuldigung, er klang nicht so schlecht, wie man dann hinterher, oder jetzt eben auch im Film oder in Eindruck haben musste.

FERDINAND BRÄU 

Also ein völlig kaputter Flügel könnte auch die Stimmung niemals in der Form halten. Und er hat ja doch teilweise ganz schön kräftig reingegriffen. Ein Flügel klingt natürlich auch immer so, wie gespielt wird.

Ferdinand Bräu, Product Design Director beim Klavierbauer Bösendorfer in Wien.

VERA BRANDES
Wie die das geschafft haben, wissen wir nicht. Wir suchen schon seit Jahren nach dem Stimmer oder seinem Sohn. Der Stimmer ist wahrscheinlich gar nicht mehr unter den Lebenden. Aber in meinen Augen waren die beiden die Helden des Abends.

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„The Köln Concert“.
Vor 50 Jahren, am 30. November 1975, kommt unter diesem Titel der Konzertmitschnitt von Keith Jarrett aus der Oper Köln auf den Markt.
Mit diesem Zeitpunkt beginnt eine Rezeptionsgeschichte sondergleichen.

Zitat THOMAS GARTMANN
Das Album ist seit einem halben Jahrhundert ein Bestseller. Viele Legenden werden erzählt, Jarrett wurde deswegen ein Popstar, die Aufnahme selbst zum Inbegriff von Improvisation; sie wurde aber auch Hintergrundmusik und akustische Tapete in zahlreichen Romanen – und die Personifizierung des ‚New Age‘ der Mitte der 1970er Jahre.

Thomas Gartmann, Jazzforscher an der Hochschule der Künste, Bern.
Seine Beobachtung fällt im Kontext eher produktions-ästhetischer Überlegungen zum Thema „Kann man Musik konservieren?“
Die Frage mag zunächst banal erscheinen im Kontext eines Produktes, von dessen Verbreitung man keine konkrete Zahl weiß; wohl aber ist überliefert, dass sie allein in physischer Form weit über 4 Millionen Exemplare beträgt.
Immerhin aber leuchtet Gartmann mit zwei Sätzen ein sehr weites Feld extrem unterschiedlicher Aneignungen ein und derselben Musik aus.
Das haben viele andere auch versucht.
Niemandem aber ist das so präzise und umfassend gelungen wie Peter Elsdon, Musikwissenschaftler an der Universität Hull in Nordengland.
Seine schlicht „Keith Jarrett´s The Köln Concert“ betitelte Monografie, 2013 erschienen, ist und bleibt das Standardwerk zum Thema.

PETER ELSDON
Die Sache ist einigermaßen verwickelt. Wie z.B. kann man den Einfluß einer Platte nachweisen?
Ich habe nicht nur nachgeforscht, wie über das „Köln Concert“ in den 70er Jahren in der Presse berichtet wurde, mich hat auch interessiert: wie ist es in anderen Kontexten wahrgenommen worden?
Es gibt nämlich zahlreiche Hinweise darauf, dass diese Musik als Hintergrundmusik verwendet wird. Zur Entspannung, oder man legt sie auf, wenn man sich schlecht fühlt, sie wird auch bei Beerdigungen eingesetzt.
Für eine Jazz-Aufnahme ist das schon recht eigenartig. Normalerweise geht man davon aus: Jazz-Aufnahmen hört man sich sehr aufmerksam an.
Diese Produktion aber haben die Leute ganz anders eingesetzt: um sich in eine bestimmte Stimmung zu bringen oder generell wohler zu fühlen. Das ist sehr ungewöhnlich.
Und ich nehme an, das liefert einen Teil der Erklärung, warum Jarrett nicht mehr am „Köln Concert“ interessiert ist. Es geht nämlich nicht mehr so sehr um die Musik selbst, sondern darum, wofür die Leute sie verwenden

Zur einen Hälfte analysiert Peter Elsdon die Musik des „Köln Concert“.
Und kommt – ohne sie zu verurteilen – zu dem in der Jazzszene verbreiteten, auch von Jarrett selbst geteilten Urteil, dass er vorher und nachher bessere, will heissen: variationsreichere Solokonzerte gespielt hat.
In seinem Buch interessieren ihn die besonderen Umstände in der Oper Köln nur am Rande, aber im Gespräch bestätigt er eine These, die der britische Jazztrompeter Ian Carr schon 1991 in seiner Jarrett-Biografie formuliert hat: sind die Umstände schlecht – wächst Keith Jarrett über sich hinaus.


PETER ELSDON
Es fällt ja auf: fast jedes Jarrett-Konzert, das veröffentlicht wird, wird von einer Geschichte begleitet, aus welchen Gründen dieses Konzert ein besonderes war. Im Falle des Köln Concert: dass Jarrett nicht geschlafen habe und ein schlechtes Klavier hatte. Bei den Konzerten 1973 waren es Rückenschmerzen.
Für mich als Akademiker ist dabei ganz entscheidend, dass diese Geschichten von Jarrett ausgehen. Er erzählt sie. Und ich denke, er wird schon seine Gründe dafür haben. Er will, dass wir eine Aufnahme als das Resultat eines kreativen Kampfes betrachten.
Das bedeutet nicht, dass die Geschichten falsch sein müssen, keineswegs. Aber, sie werden in einer bestimmten Absicht erzählt. Als sollte der Hörer gelenkt werden. Wie Sie schon sagten: der Hörer soll zu einem bestimmten Hören veranlasst werden.
Ja, das denke ich auch.

Das Gespräch mit Peter Elsdon ist schon ein paar Jahre alt. Er konnte noch nichts ahnen vom „Köln Concert“-Hype im Jubiläumsjahr 2025; wofür die Umstände in der Oper Köln am 24. Januar 1975 – und ausschließlich diese Umstände – zum Anlass eines Kinofilms werden würden.
Und schon gar nicht, wohin die Kunde vom kaputten Klavier auch dringen würde.
Zum Beispiel am 27. Februar 2025…im Ersten

Wer weiß denn sowas? ARD, 27.02.2025

KEITH JARRETT Köln Concert IIa
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DLF Jazzfacts – Mythos Köln Concert.
Bestandsaufnahme eines der erfolgreichsten und von Mythen umrankten Alben der Jazzgeschichte und seiner Entstehung.
Und für viele – in Deutschland offenbar mehr als in anderen Ländern – macht den Kern des Mythos aus (ohne dass sie ihn wohl so bezeichnen würden):
der Pianist als Held, der den widrigsten Umständen ein großes Kunstwerk abringt: Rückenschmerzen, lange Anreise, schlechtes Essen im Restaurant, und vor allem sein Instrument, der Flügel: ramponiert, mit klemmenden Tasten und Pedalen, ein Stutzflügel, „der bemitleidenswerteste Flügel von allen“ usw usw.
Urteile, die selbst von solchen kolportiert werden, die es eigentlich hätten besser hören müssen.
In diesem Jahr ist Bewegung in die Sache gekommen. Von einem, der gegenüber der „Welt“ behauptet:
„Es wird ja so viel Unsinn über dieses Konzert verzapft.“

FERDINAND BRÄU
Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann ich das Köln-Konzert zum ersten Mal gehört habe. Aber sicherlich noch vor 1980, würde ich sagen, irgendwann einmal.
Es war eine Kultplatte. Wir haben das im Freundeskreis auch auf und abgehört.
Das hat einfach dazu gehört zu der Zeit.
Was ich damals nicht wusste und bei uns in der Firma eigentlich niemand wusste, ist, dass dieses Konzert auf einem Bösendorfer entstanden ist.

Das ist Ferdinand Bräu aus Wien. Er hat Klavierbau von der Pieke auf gelernt. 1978 beginnt er bei Bösendorfer Pianos als Klaviermacher, wie es damals hieß, heute ist er Product Design Director.
Ein französisches Filmteam um Vincent Duceau hat ihn für das Thema entdeckt. Ursprünglich sollte ihre Film-Doku in diesen Tagen erscheinen, 
parallel zum 50. Jahrestag der Veröffentlichung des Albums – sie ist auf das Frühjahr 2026 verschoben worden.
Das Team hat in Köln recherchiert, in der Oper, und präsentiert Bräu Fotos vom 24. Januar 1975. Der blättert in alten Auftragsbüchern – und siehe da!

FERDINAND BRÄU
Die wirkliche Nummer ist 28.952. Und dieser Flügel, der wurde 1969 geliefert, an unseren damaligen Händler Panir in Köln. Und der ist heute noch in der Kölner Oper.
Und das dürfte der Flügel sein, sie haben auch zwei Fotos mitgebracht, die Vera Brandes selber gemacht hat am Konzertstag. Und es muss auch schon im Saal gewesen sein, weil es ist schon mikrofoniert auch. Das Instrument, und man sieht deutlich, es ist ein Instrument, sieht man auf den Fotos, Keith Jarrett spielt darauf gerade, mit fünf Feldern. Das heißt, die Seitenanlage ist in fünf Teile aufgeteilt. Und das gibt es beim Stutzflügel nicht. Also fünf Felder haben nur die größeren Flügel ab dem Modell 225 und dann noch die zwei großen Modelle 275 und Imperial.
Also das ist deutlich erkennbar. Und somit ist eigentlich das sicher, man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass dann das Instrument, das beim Konzert verwendet wurde, dieser 225er Flügel ist. Und das passt dann auch mit dem Klang des Instruments zusammen.

Keith Jarrett „The Köln Concert“, Teil IIa; am 24. Januar 1975 gespielt nicht auf dem bestellten Bösendorfer Imperial, sondern auf einem Bösendorfer Halbkonzertflügel mit 225 cm Länge.
Und der kann nicht so schlecht gewesen sein, wie oft kolportiert, was der Bösendorfer-Klavierbauer Ferdinand Bräu auch noch aus einem anderen Befund schließt:

FERDINAND BRÄU
Also ein völlig kaputter Flügel könnte auch die Stimmung niemals in der Form halten. Und er hat ja doch teilweise ganz schön kräftig reingegriffen. Ein Flügel klingt natürlich auch immer so, wie gespielt wird. Also er spiegelt das bis zu einem gewissen Grad wieder. Der Flügel hat zwar auch ein grundsätzlich eigenes Klangverhalten, aber vieles hängt davon ab, wie der Pianist dann das Instrument bespielt. Und so klingt es dann auch natürlich.
Aber für mich klingt es relativ hell, aber doch substanziell, relativ gut.
Und für mich macht es oder hat es nie den Eindruck gemacht, dass das irgendwie ein Instrument wäre, das nicht in Ordnung wäre. Und wenn wir jetzt von dem 225er ausgehen, mit der Opus Nummer 28.952, der wurde 1969 geliefert. Und das Konzert war dann 75, glaube ich.
Sechs Jahre später. Also das ist kein Alter für einen Flügel. Er kann gar nicht in so schlechten Zustand gewesen sein.

KEITH JARRETT Köln Concert IIa (Ende)
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„Mythos Köln Concert“ – einer seiner Bestandteile, heute weitgehend vergessen, entsteht schon wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Doppel-LP: in der Januar-Ausgabe 1976 des Magazins „Jazzpodium“ (wenig später in einem Kapitel des Buches „Ein Fenster aus Jazz“ holt Joachim Ernst Berendt zu einem groß-ideologischen Rundumschlag aus.
Berendt, verstorben im Jahr 2000, ist auch dank seines „Jazz-Buches“ der bis heute meist verbreitete deutsche Jazzpublizist.
Unter dem Titel „Schönheit, die ich meine. Der neue Faschismus in Jazz und Rock“, entwirft er ein Panorama der Jazzentwicklung Anfang der 70er Jahre, die in der Tat zu einem gewissen Teil von einem ästhetischen Wandel geprägt ist. Im Gegensatz etwa zum „freien“ Jazz der 60er.

 

Zitat JOACHIM ERNST BERENDT
Was trat an seine Stelle?
Man kann es – bei aller Ironie der Situation – nicht besser sagen als in den Worten der Riefenstahl: Schönheit, Gesundheit, Harmonie, Glück…
Das Wort „Schönheit“ spielte praktisch, so lange es Jazz gibt, bei Musikern und Kritikern, von drei, vier Ausnahmen abgesehen, keine Rolle; es war kein Terminus, auf den man sich hätte einigen können. Seit dem Anfang der 70er Jahre kommt niemand mehr ohne dieses Wort aus.
Volker Kriegel über John McLaughlin, Ray Townley über Herbie Hancock, zahlreiche Kritiker der Berliner Jazztage über Jasper van`t Hof, ich selbst – wenn ich mich einschließen darf – über Keith Jarrett, Shoichi Yui über Chick Corea…, was sie auch konstatieren mögen, immer wieder wird das Wort „Schönheit“ notwendig.

„Die Riefenstahl“, gemeint ist berühmte Filmregisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003),  die in ihrer avancierten Kunst ein bestimmtes Schönheitsideal des Nationalsozialismus zum Ausdruck brachte.
Berendt begeht hier den gedanklichen Fehler, zwei völlig verschiedene Begriffe von „Schönheit“ in eins zu setzen:

Zitat JOACHIM ERNST BERENDT
Die Kraft, die Schönheit, die Freude, die Gesundheit die Robustheit, die Natürlichkeit (…) das alles ist latent faschistisch.

(ausführliche Diskussion hier)

KEITH JARRETT Köln Concert IIb
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Joachim Ernst Berendts verquere Gleichsetzung des NS-Schönheitsideales mit dem aus bestimmten Stilen des Jazz, u.a. bei Keith Jarrett (wobei er das „Köln Concert“ nicht ausdrücklich erwähnt), sie ist weitgehend vergessen; man findet sie bestenfalls noch in drei, vier Fachbüchern.
Weitgehend unbekannt in Europa aber ist die amerikanische Rezeption des „Köln Concert“. Und die ist offenkundig in den frühen Jahren auch von einem Faktor bestimmt, den man im Deutschen heute besser nicht mit „Rasse“, sondern mit „Multi-Ethnik“ benennt.
Demnach hielten viele Afro-Amerikaner (u.a. Ornette Coleman und Quincy Jones) Keith Jarrett für einen der ihren, wegen seiner Frisur in den 60er und 70er Jahren.
2019 jedenfalls erscheint ein Essay unter dem Titel:
„Keith Jarrett, Multi-Ethnik und der Aufstieg der europäischen Sensibilität im Jazz der 1970er Jahre“.
Autor ist der afro-amerikanische Jazzforscher Gerald Early. Er unternimmt einen – man muss schon sagen – ideologischen Eiertanz. Early argumentiert sehr differenziert, lässt aber immer wieder durchscheinen, dass er den authentischen, den wirklich emotionalen Jazz, nur den Schwarzen zutraut.
Es ist eine Haltung, die im wissenschaftlichen Jazz-Diskurs heute sehr in Frage gestellt wird.
Gerald Early über Keith Jarrett, und insbesondere das „Köln Concert“.


Zitat GERALD EARLY

Er machte einen europäisch klingenden Jazz zu etwas Hippem und sogar Tiefgründigem für das Publikum. Vielleicht erleichterte er es einem beträchtlichen Teil der Weißen, ihren Weg in den Jazz und ihren Platz darin zu finden, ohne Schwarze zu imitieren. Aber natürlich wird das alles dadurch erschwert, dass er manchmal wie ein schwarzer Musiker klang und dass er eine Zeit lang für einen Schwarzen gehalten wurde.

 

HANNA SHYBAYEVA Köln Concert IIa
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„The Köln Concert, IIa“, gespielt von … Hanna Shybayeva, am 26. Juni 2025 in Köln:
50 Jahre, 6 Monate und 2 Tage nach dem Original, und zwar im Bechstein-Zentrum, direkt gegenüber der Oper Köln.

HANNA SHYBAYEVA
Dass ich dieses Stück in dieser Stadt spiele, ist herzerwärmend; noch dazu dass wir uns sehr nahe dem Gebäude befinden, in dem es geschehen ist.
Aber, vielleicht bin ich letztendlich doch nicht so sentimental. Ich war viel emotionaler, als ich dieses Werk an diesem Tag in Holland aufgeführt habe, am 24. Januar 2025 in Den Haag. Da hatte ich wirklich das Gefühl, ich würde
irgendwie eine Geburtstagsparty feiern.

Shybayeva geboren in Minsk, lebt in den Niederlanden.
Wir bezeichnen sie hier als „Klassik-Pianistin“, sie hat aber auch Neue Musik im Repertoire und kooperiert jüngst auch mit Jazzpianisten.
Fast zeitgleich ist sie vor 15 Jahren auf das Album und die Partitur von „The Köln Concert“ gestoßen.
Jazzpianisten meiden das „Werk“. Unter ihnen ist weitgehend verpönt, über eine Improvisation zu improvisieren.
Nicht so Interpreten und Interpretinnen aus der „Klassik“. Seit 1991 liegt „The Köln Concert“ in einer von Keith Jarrett autorisierten Fassung vor.
Shybayeva spielt also „vom Blatt“, pardon: sie liest den Notentext vom iPad.

HANNA SHYBAYEVA
Ich finde die Transkription insgesamt ganz gut gemacht. Weil ich die Aufnahme inzwischen sehr gut kenne, sind mir ein paar winzige Abweichungen aufgefallen – kleine Dinge, die er vermutlich selbst aus der gedruckten Partitur entfernt hat, weil er wohl meinte: „Okay, das mache ich vielleicht so…“
Denn sie sind in der Aufnahme selbst enthalten. Also gibt es ein paar kleine Details, wo ich tatsächlich das mache, was auch er in der Aufnahme macht – und nicht das, was in der Partitur steht. Ansonsten ist es sehr gut gemacht.
Das Einzige, was wirklich fehlt, das sind Angaben zur Dynamik, und das Stück hat wirklich eine enorme Bandbreite an Dynamik, die nicht abgegedruckt ist. Es sind nur die Noten, und das war’s. Dynamisch gibt es nichts. Und vielleicht ist das auch absichtlich so gemacht, ich bin mir nicht sicher. Also habe ich die Dynamik selbst hinein geschrieben, weil ich weiß, wie er es gespielt hat, und davon gehe ich aus.

Hanna Shybayeva interpretiert das „Köln Concert“ oder auch Maki Namekawa, die Ehefrau des mit Keith Jarrett befreundeten Dirigenten Dennis Russel Davies, auch in Jarretts Gegenwart.
Wie gesagt, seit 1991 liegt die Abschrift der ursprünglich improvisierten Musik vor.
Jarrett hat des öfteren die musikalischen Qualität seiner Kölner Performance kritisiert. 1992, ein Jahr nach der Veröffentlichung des Notentextes, schlägt er die wohl kräftigste Volte, in einem berühmt-berüchtigten Spiegel-Gespräch.

Zitat SPIEGEL GESPRÄCH
SPIEGEL Mr. Jarrett, Ihr berühmtes »Köln Concert« ist mittlerweile 
ein Super-Hit der Plattenbranche. Sind Sie darauf stolz?
JARRETT: Nein, man sollte alle die Aufnahmen einstampfen.
SPIEGEL: Wie bitte? Sie machen Witze.
JARRETT: Ich meine es ernst.Diese Bestseller sollten nach einer bestimmten Zeit vom Markt verschwinden, auch »Köln Concert«. Genauso wie ich glaube, daß wahre Musik aus einem echten Bedürfnis heraus entsteht, so denke ich, daß man Musik auch vergessen muß. Sonst bleiben wir süchtig an Vergangenem hängen.

HANNA SHYBAYEVA
Für jede Komposition, jedes Musikstück, jedes Kunstwerk kommt seine Zeit. Und, ja schade für Keith Jarrett: ob es ihm nun gefällt oder nicht – dieses Werk hat nun ein Eigenleben. In dem Moment, als er die Partitur freigab, hätte er wissen müssen, dass dies die Konsequenz sein würde, oder? 
Ich finde es großartig. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er es gemacht hat.

HANNA SHYBAYEVA Köln Concert IIa-2
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Hanna Shybayeva interpretiert das „Köln Concert“, am 26. Juni 2025 im Bechstein-Zentrum, Köln. Die Aufnahme ist nicht im Handel erhältlich.

HANNA SHYBAYEVA

Was mich an Keith Jarrett generell fasziniert, ist die unglaublich reiche Gefühlswelt, die er durch seine Musik mit uns teilt. Und genau das hat mich dazu gebracht, dieses Stück zu lernen – nicht die attraktive, technisch anspruchsvolle Partitur mit ihren vielen Noten und Rhythmen. Es ist wirklich diese Emotion, die in dieser Musik steckt, die mich dazu bewegt, sie zu spielen – und nichts anderes. Wenn ich also versuche, dieses Stück zu interpretieren, versuche ich zunächst einmal dem nachzuspüren, was er empfunden hat, als er es gespielt hat. Und weil wir zum Glück diese Aufnahme haben, kann man in gewisser Weise spüren, was er zwischen den Noten empfunden hat und wie er von einer Emotion zur nächsten übergeht. Und wenn man denkt, man hätte den höchsten Punkt des Stücks erreicht, bringt er uns auf einen weiteren emotionalen Höhepunkt, den man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Diese völlig überwältigende Welt hat mich am meisten angezogen.

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HANNA SHYBAYEVA
Rein technisch gesehen ist er ein großartiger Pianist. Es ist wirklich schade, dass er nicht mehr auftreten kann. Ich habe kleine Hände. OK, ich weiß, das ist kein großes Problem, aber manchmal wird meine linke Hand nach dem Spielen dieses Stücks ein wenig steif, weil er eine große Spannweite hatte und ich nicht. Ich muss also meine Hand wirklich spreitzen, wenn ich lange Zeit in derselben Position spiele, weil ich dieses sich wiederholende Riff in der linken Hand halte. Das kann rein technisch gesehen ziemlich anstrengend sein. Und natürlich ist es aber pianistisch eine Freude, das Stück zu lernen, auch wegen der Komplexität der Passagen. Man muss schon den richtigen Fingersatz finden, damit es fließend klingt, damit es wirklich spricht; es sind nicht immer nur schnelle Noten. Manchmal gestaltet er es wirklich wie eine rhetorische Passage, und dann wieder lässt er es wie einen Wasserfall stürzen. Und so muss man wirklich aus professioneller Sicht überlegen: Wie gehe ich das an? Welchen Fingersatz verwende ich, damit es so klingt, wie er es wollte? Das ist es eine äußerst lohnende Arbeit.

FUNKHAUS ORCHESTER KÖLN Tribute to Keith Jarrett – Interlude 1, Erinnerung
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Was geschieht hier? Hatte ich nicht gesagt, unter Jazzmusikern sei das Improvisieren über eine vorhandene Improvisation verpönt?
Und hier geschieht genau das! Hier nimmt jemand g-d-c-g-a (die berühmten fünf Anfangstöne des „Köln Concert“) zum Ausgang für eine Improvisation:
Stephan Görg, Professor für Schulpraktisches Klavierspiel, aber auch Improvisation, an der Musikhochschule Köln. Und er tut das gewissermaßen im Rahmen einer „größeren Ordnung“, nämlich im Rahmen einer 12-sätzigen Orchestersuite.
Meines Wissens das erste Mal, dass ein Orchester Bezug nimmt zum „Köln Concert“, hier das Funkhausorchester Köln.

FUNKHAUS ORCHESTER KÖLN Tribute to Keith Jarrett – Air
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21. Februar 2025, WDR Klaus-von-Bismarck-Saal, in Köln.
Vier Wochen nach dem Jubiläum von „The Köln Concert“ inszeniert das Funkhausorchester Köln ein „Tribute to Keith Jarrett“, mit Stephan Görg, einem Jazzquartett und dem Bielefelder Komponisten Bernd Wilden.
Es ist eine Architektur, die Jarrett in seinen Bezügen zeigt.
Was woher stammt, das erklärt Wilden am Beispiel dessen, was gerade erklingt: der 6. Satz, „Air“.

BERND WILDEN
Für die Air habe ich dann diesen getupften Bass aus der berühmten Bach´schen Air aus der C-Dur Orchester Suite verwendet, um so die Assoziation sofort herzustellen.
Die Basis für unsere Air ist allerdings „My Song“ von Keith Jarrett, also tatsächlich auch ein Stück, was nicht aus dem Köln Concert entnommen ist. Es gibt diese charakteristische Melodiewendung, mit der dann auch diese Orchester-Satz beginnt. Da könnte man als Keith Jarrett-Kenner dann drauf kommen, „ah, ich glaube, das habe ich schon mal bei Jarrett irgendwo gehört“.
Und ansonsten ist dann das harmonische Grundgerüst, was ich dann in Bach´scher Weise sozusagen arrangiert habe, orientiert sich an „My Song“ von Jarrett, und darüber können sich dann Saxofon, und ich glaube, es ist Oboe, quasi Neobarock dann irgendwie verbreiten, und austoben. Und so haben wir den Eindruck eines mehr oder weniger barocken Klanggeschehens. Aber es ist von der Substanz ja durch und durch Jarrett.

FUNKHAUS ORCHESTER KÖLN Tribute to Keith Jarrett – Scherzo
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BERND WILDEN
Der vierte Satz, das Scherzo. Das nimmt auch nochmal ganz klar Bezug auf eine Stelle im Köln Concert, nämlich den sogenannten zweiten Satz oder den zweiten Part damals auf der LP, die zweite Seite. Es gibt eine perkussive Tonwiederholung im Klavier und darüber entwickelt Jarrett dann ein kurzes, prägnantes Motiv, da da da da, da da da, in der Art etwa. Und das ist es. Und damit fängt er an zu spielen. Und daraus habe ich eine Art Orchester-Scherzo gestrickt, was also wirklich jede Menge Einflüsse mit reinnimmt, wonach er über den Fünfton Motiv der Eröffnung wird zu einem pulsierenden Ostinato-Bass dann, der dann die Coda überleitet, eingeführt, worüber dann die E-Gitarre ein Solo machen kann.
Und es gibt also jede Menge Elemente, Minimal Music, gibt es eine ganz tolle Passage auch mit diesem Fünfton-Motiv. Und das alles fügt sich wie selbstverständlich über diesen pulsierenden Tonwiederholungsgroove, der im Grunde den ganzen Satz zusammenhält und ich kann jetzt gar nicht so richtig aufzählen, was da alles hat Einflüssen speziell in dieser einen, ich glaube es ist eine 6-minütige, 7-minütige Nummer oder sowas da alles drin steckt.

Das Funkhausorchester Köln unter Leitung von Stephan Görg und Bernd Wilden interpretiert Keith Jarrett, in einem multi-stilistischen, auch sehr handwerklichen Sinne.
Ist das Mythos? Ist das Legende?
Nein, das ist normale Rezeptions- und Interpretations-Praxis, die lediglich den 50. Jahrestag von „The Köln Concert“ zum Anlass nimmt.
Und, indem sie sich auch auf den Komponisten Jarrett bezieht, durchaus verwandt etwa den Jarrett-Interpretationen durch Branford Marsalis.
Der „Mythos Köln Concert“ aber – in seinem Kern: die Erzählung „das kaputte Klavier“ – hat an Fahrt nicht verloren.
Der Film „Köln 75“ ist gerade in Amerika angelaufen, und die Veranstalterin Vera Brandes legt nach, mit Sätzen wie diesen aus einem Interview mit der Zeitschrift „Lettre International“:

Zitat VERA BRANDES
Mit einem ausgeschlafenen und wohlgenährten Keith, dem üblichen Zwanzig-Uhr-Konzertbeginn und dem zugesagten und perfekt gestimmten 290-Bösendorfer wäre „The Köln Concert“ ein x-beliebiges Livealbum im ECM-Katalog geworden.
Nicht mehr und nicht weniger.

KEITH JARRETT Köln Concert II (auf Schluß)
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Das war DLF Jazzfacts. Mythos Köln Concert. Bestandsaufnahme eines der erfolgreichsten und von Mythen. umrankten Alben der Jazzgeschichte und seiner Entstehung.
Am Mikrofon war Michael Rüsenberg.

erstellt: 20.11.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten

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