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10. Feb. 2026 | Aktuelles, Interviews

„Alles hat seine Stunde“- Christian Muthspiel tritt ab

Christian Muthspiel, Salzburg, 6. Dezember 2025

Es ist der Tag nach dem letzten Konzert. Wie fühlst du dich?

Ich fühle mich sehr gut. Ich habe diesen Abschied lange vorbereitet, innerlich und auch äußerlich. Ich wollte mich nicht sozusagen davonschleichen, sondern dieses letzte Jahr mit meinem Orchester richtig feiern, mit dem Jandl-Programm. Ich habe auch irgendwie das Gefühl, dass so viele Dinge zu einem guten, runden Abschluss gekommen sind, und interessanterweise viele Dinge im letzten Jahr aufgetaucht sind, die mit meinem Beginn als Musiker und Komponist zu tun hatten.
Es gibt so einen Lieblingsspruch von mir, der oft in romanischen, kleinen Kirchen steht: „Alles hat seine Stunde.“ Und ich habe das Gefühl, es waren viele Zeitpfeile, die darauf hingedeutet haben. Jetzt ist gut, eine Seite meines Seins zu beenden und die Türen aufzumachen für etwas anderes.

Gehen wir doch mal zurück. Gestern Abend; es gab eine Aftershow-Party, wenn man das ein bißchen übertriebenerweise so bezeichnen kann, aber viele können sich was darunter vorstellen. Es gab zwei Kuchen mit Wunderkerzen obendrauf, aber es war kein Geburtstag. Das war etwas ganz anderes. Wie war das? Der letzte Abtritt von der Bühne gestern Abend?

Ich muss sagen, ich persönlich war sehr berührt von der Gerührtheit der Musikerinnen und Musiker, nämlich auch im Sinne dessen, dass sie mir wirklich nicht nur mit ihrem fantastischen Spiel gestern, sondern auch mit der Haltung und mit ihrem Ausdruck gedankt haben für das, was wir gemeinsam die letzten sieben Jahre erlebt haben mit dem Orchester. Und ich bin wirklich ohne Wehmut abgegangen von der Bühne. Ich habe mir gedacht, es war sehr gut, und es geht jetzt gut zu Ende.
Es war natürlich eine besondere Stimmung dran zu denken: okay, das ist jetzt meine letzte Zugabe, das ist meine letzte Ansage, die ich mache. Aber nachdem das so lange Zeit auch mit so viel glückhaften Situationen verbunden war, ist mein inneres Gefühl gewesen, wow, jetzt kommt etwas Neues und ich weiß noch nicht, was.
Wenn man als selbständiger Musiker sein Leben verbringt, ist man gewohnt, immer ein bis zwei Jahre voraus zu planen. Und das ist das erste Mal, seit ich 18 bin, dass ich nicht weiß, was nächsten Sommer sein wird oder übernächstes Frühjahr, sondern es wird etwas kommen – aber ich weiß noch nicht, was.
Es wird nicht auf einer Bühne sein.
Es wird nicht auf einer Bühne sein. Dass ich in anderen Kontexten auf Bühnen gehe, ist nicht ausgeschlossen; ich habe zum Beispiel Musikvermittlungsideen, die ich vielleicht einmal irgendwo umsetzen kann. Aber ich gehe jetzt sicher nicht mehr als Jazzmusiker oder Leiter eines Jazz-Orchesters auf die Bühne.
Und die Bühne als Ort, glaube ich, wird mir insofern nicht besonders abgehen, als sie auch immer verknüpft ist mit sehr vielen belastenden Umständen. Das Publikum ist ja nie backstage. Und damit meine ich nicht nur wirklich hinter der Bühne, sondern hinter allem, was dazugehört, bis man so, wie wir gestern auf die Bühne gegangen sind, auf die Bühne geht.
Also, ich würde sagen hin und wieder sind die Nebengeräusche lauter als die Musik. Und da gibt es auch Aspekte, die werden mir auf keinen Fall abgehen. Wobei ich hinzufügen möchte, es ist nicht Müdigkeit oder Frust, sondern es ist Freude auf etwas Neues. Aber trotzdem gibt es für gewisse Dinge und gewisse Teile des Musikerlebens, vor allem des Jazzmusiker-Erlebens, weil wir es doch unter anderen Umständen unterwegs wie viele klassische Musiker, da verspüre ich auch Erleichterungen.

Apropos Bühne, es gibt in der Performanceforschung eine schöne Trennung der Rollen eines Musikers, zwischen Person, also die Person, die Persönlichkeit, die man ist im alltäglichen Leben, und Persona, damit ist die Bühnenpersönlichkeit gemeint. Sind das bei dir auch in deinem Verständnis, in deiner Erfahrung verschiedene Rollen gewesen? Ist Christian Muthspiel auf der Bühne ein, in welchen Teilen müssten wir fragen, anderer Mensch als vor der Bühne im Alltagsleben oder sonst wo?

Ich glaube schon. Ich glaube, man muss da sehr kleinteilig differenzieren, weil ich denke, dass natürlich im Akt des Musizierens hat man doch das Ziel, ganz zur Person zu werden, aber die Inszenierung eines Bühnenauftritts ist eine Persona. Also wenn man bewusst schaut, wie kriege ich den Fokus. Bühnenverhalten heißt immer, es ist nichts privat, kein einziger Gesichtsausdruck, keine Geste ist privat. Da habe ich auch viel mit meinen MusikerInnen diskutiert, „ihr seid nicht privat, sobald ihr auf der Bühne seid, da sitzen unten Leute, die haben bezahlt dafür, dass sie euch hören und sehen, und dadurch sind wir in einer gewissen Form Schauspielerinnen und Schauspieler“ Mir gefällt diese Ausdrucksweise sehr gut, Person und Persona, das habe ich in der Form noch nie gehört, aber es ist wahrscheinlich eine uralte, woher kommt das?

Das kommt aus der Performanceforschung, ich kann auch ein schönes Zitat dazu bringen, das jetzt gut passt, vor allem, weil es sich um Alfred Brendel handelt. Ich zitiere Phil Auslander, das ist ein bekannter Performanceforscher, und der beruft sich auf seinen Kollegen Peter Johnson; der schreibt also Folgendes über Alfred Brendel: „…die unscheinbare Gestalt von Alfred Brendell, der sich in einen meisterhaften Pianisten verwandelt, sobald seine Finger die Tasten berühren, aber wieder zu sich selbst zurückkehrt, wenn er still den Applaus entgegennimmt.“

Sehr schön, sehr schön, das ist eine hohe Kunst, denn gerade beim Brendel hat man das Gefühl, dass er eins wird mit den Stücken, die er interpretiert, weil es ja, glaube ich, relativ wenige gibt, die mit einem relativ schmalen Repertoire ihr ganzes Leben verbracht haben, aber immer tiefer in dasselbe Repertoire gegangen sind. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, weil zum Beispiel meine Beschäftigung mit Jandl ist 30 Jahre lang. Es gibt gewisse Gedichte, die trage ich 30 Jahre mit mir herum und habe sie in verschiedenen Kontexten auch benutzt und verwendet. Und selbst bei diesen Kürzest-Gedichten merke ich jetzt noch, da gibt es noch eine Falltüre noch unten oder noch einen Aspekt oder ein anderes Licht darauf.
Und beim Brendel dürfte das ein sehr, sehr bewusster Vorgang sein, dass er offenbar Person von Persona trennt oder zu trennen versucht, was auch spricht natürlich für seine sehr analytische Herangehensweise an die Werke. Aber trotzdem kommt dann die Emotion der Person dazu. 
Also ich weiß nicht, ob das dann in der Versenkung, ob dann macht sich schon auch die Seele wichtig, glaube ich.

Ich habe den Eindruck, der Abschluss mit Jandl, der kommt ja nicht per Zufall, sondern der ist ja geplant, der hat eine große Logik, du hast es schon angedeutet, eine Logik, die im Grunde genommen deine Jazzmusiker-Karriere überspannt oder unterfüttert, wie auch immer man das umklammert, wie auch immer man das zum Ausdruck bringen will.

Ja, es ist sozusagen emotional kalkuliert, weil ich wollte zum 100. Geburtstag von Jandl unbedingt etwas machen mit dem Orkestra. Und dann ist mir auch bewusst geworden, das ist doch die wunderbarste Produktion, um meinen Bühnenabschluss zu machen und zu feiern in diesem Jahr. Und der Jandl hat insofern eine sehr große Bedeutung, als es eine jener frühen Erfahrungen war, die mich mit der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen in Verbindung gebracht haben.
Ich komme aus einem zwar sehr musikalischen, aber klassischen Elternhaus. Also es gab klassische Musik und Volksmusik. Aber nichts aus der Gegenwart. Also weder Jazz noch neue Musik, auch was die Literatur betrifft.
Und dann gab es einen Freund in Graz – ich war noch junger Klassikstudent, noch parallel zum Gymnasium – der hat mich quasi an der Hand genommen, der war drei, vier Jahre älter und hat gesagt, „du musst da einen Fellini-Film anschauen mit mir. Du musst ein Carla Bley-Konzert anhören mit mir, und du musst in eine Ernst Jandl-Lesung gehen mit mir.
Und diese erste Jandl-Lesung…ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung gehabt, was da passiert. Da ist ein Typ gekommen, der hat ausgeschaut wie ein freundlicher Bankbeamter mit einem etwas schlechten Anzug und einem weißen Hemd, wo das Feinripp unterm Leibchen durchgeschimmert hat und einer Hornbrille und einer Akten-Tasche. Also wie ein Versicherungsvertreter, und der kommt dort heraus und beginnt zu brüllen, ohne Verbeugung, ohne irgendwas. Und mich hat diese Direktheit und vor allem die Tatsache, dass ich gemerkt habe, dieser Mensch macht zu 100 Prozent kompromisslos das, was er machen will und machen muss, das hat mir wochenlang nachzudenken gegeben. Und immer mehr dann ist dieser innere Drang entstanden, dort will ich auch hin. Ich will auch einmal das machen, was nur ich machen kann und was ich glaube, machen zu müssen. Und insofern war der Jandl wirklich fast ein Initiationsritus in eine zeitgenössische Künstlerschaft allgemein. „Ich als kreativer Mensch gestalte meine Kunst.“ Das war eine neue Idee für mich.

Im booklet zur Doppel-CD „vom Jandln zum Ernst“ hast du diese Szene beschrieben. Ich glaube, Jandl hat als erstes „Wasser“ gerufen.

Also er ist gekommen, hat sich an den Lesetisch gesetzt und hat gesehen, es steht kein Wasser dort und hat ins Mikrofon „Wasser“ gebrüllt. Es war nicht, glaube ich, schon das erste Gedicht, aber dann hat er im selben Tonfall fortgesetzt. Jemand andere hätte sich verbeugt und gesagt, könnte ich bitte ein Glas Wasser haben – der Jandl hat „Wasser!“ ins Mikrofon gedröhnt. Und diese Direktheit, die hat mich umgeworfen. Und eben das Schöne war, dass dann mit dem Jazz, den ich kennengelernt habe, über ein paar Konzerte, da war das selbe Phänomen und dieselbe Art von Beeindrucktsein. Diese Jazzmusiker und -musikerinnen machen genau das. Die klingen so, wie sie sind. Und das habe ich aus der Klassik überhaupt nicht gekannt. Ich habe klassische Posaune studiert, und das hat immer geheissen, wenn du zu den Philharmonikern willst, dann musst du den Philharmoniker-Sound üben. Damit du quasi in diese Gruppe passt. Und das ist genau das Gegenteil von Individualität. Ich werte es nicht, die Orchester brauchen natürlich Musikerinnen und Musiker, die sich in dem Klang unterordnen und nicht herausstechen aus dem Orchesterklang. Und der Jazz war genau die Gegenwelt.

Im booklet gibt es danach eine andere Szene, da taucht Jandl auch auf, zwar nicht auf der Bühne, sondern im Publikum. Du spielst mit dem Octet Ost, darin Tomasz Stanko. Und das muss, auf gut Deutsch gesagt, eine Performance gewesen sein, wo an einer Stelle alles auseinander gefallen ist. Und da ist Jandl auch mit einem Wort aufgetaucht, aus dem Publikum hat er gerufen „Wahnsinn!“ War das der Moment, wo du am liebsten sozusagen vom Bühnenboden verschwunden wärst, weil da nichts geklappt hat?

Ja, das war ein großer Bühnenunfall, also ein musikalischer Bühnenunfall. Wir haben uns einfach in dieser relativ komplexen Partitur verheddert und einige Zeit mehr gegeneinander als miteinander musiziert. Und ich habe die ganze Zeit überlegt, wie retten wir das jetzt?
Im Jazz hat man Gott sei Dank – im Gegensatz zur Klassik – die Möglichkeit vorzugaukeln, dass man auch weiß, was man tut. Bei einer Beethoven-Sonate würde jeder hören, dass die Töne einfach nicht mehr stimmen. Und der geniale Tomasz Stanko hat die Situation als schnellster begriffen und hat mit einem irrsinnigen rohen Ausbruch in die höchsten Höhe in dieses Register das Ganze abgerissen. Und es war Totenstille. Und in diese Totenstille hinein brüllt jemand aus dem Publikum „Wahnsinn!“. Und das war der Ernst Jandl. 
Ich wusste gar nicht, dass er dort war. Wir haben einander dann, nachdem wir miteinander gespielt hatten, immer wieder besucht, er meine Konzerte und ich seine Lesungen. Und quasi Stanko und Jandl zusammen haben in dieser Kombination den stärksten Moment des Konzerts daraus gemacht.
Aber dieser Bühneninstinkt vom Jandl und auch vom Stanko, das sind dann Momente, die kann man auch nicht proben.

Wäre denn das der Moment, wo du sagst, das war mein schlimmster Moment auf der Bühne, wo ich am liebsten den Bühnenboden versunken bin in vier Jahrzehnten?

Nein, insofern nicht, als er sich so gut aufgelöst hat. Und auch aufgrund der Tatsache, dass die Musik des Octet Ost doch auch einen vorgeschriebenen Pfad hatte, aber auch sehr viele Freiheiten. Das heißt, diese Stelle hätte auch beabsichtigt sein können. Aber wie man wieder rausgekommen wären, das weiß ich nicht.

—wird fortgesetzt

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